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Familienurlaub im Wallis: Im größten Kindergarten der Welt

Familienurlaub im Wallis: Im größten Kindergarten der Welt

Der Schweizer Wintersportort Grächen hat sich komplett auf den Familienurlaub eingestellt – mit Märchengondeln, Erlebnispark und eigenem Euro-Kurs.

„Es waren einmal ein König und eine Königin, die wünschten sich sehnlichst ein Kind. Da trug es sich zu, als die Königin einmal beim Bade saß, dass ein Frosch aus dem Wasser kroch und zu ihr sprach: Dein Wunsch wird erfüllt werden …“

Kein Mucks herrscht in der Gondel, als das Märchen vom Dornröschen beginnt. Kein Zwicken der Stiefel, keine laufende Nase, kein Papa-ich-hab-Durst. Wie verhext sitzen die beiden dick verpackten Kinder unter der Glaskuppel, die schnell an Höhe gewinnt. Unten wird Grächen immer kleiner, der Berg dafür immer größer. Die Gondel rattert über einen Mast, das Panorama des Mattertals öffnet sich, die Spitzen der Zinnen gegenüber liegen schon in der Sonne. Die Eltern bestaunen das Winterwunder, ihr Nachwuchs lauscht der Stimme aus dem Off. Gut sechs Minuten dauert das Märchen, genauso lang wie die Fahrt von der Talstation zur Hannigalp. Und auch der erste Wunsch am ersten Ferientag wird gleich erfüllt: Eine junge Familie auf dem Weg zum Skifahren, und kein Stress in Sicht.

Reiseziel für Familien

Es war einmal ein Dorf im Wallis, Grächen genannt, 1300 Einwohner klein, 1600 Meter hoch am Berg auf einem Absatz thronend. Das Dorf lag zwischen zwei Wintersportlegenden, Zermatt und Saas-Fee. Das war misslich, wenn man ein Stück vom Urlauberstrom abbekommen wollte, der jedes Jahr durchs Rhônetal zu den beiden berühmten Nachbarorten rollte. Also beriet man lange und hatte eine Idee. Grächen erfand sich neu, als Reiseziel für Familien. Und weil die Schweizer das, was sie anpacken, gründlich machen, schufen sie innerhalb weniger Jahre tatsächlich ein kleines Winterparadies. Die zehn Märchengondeln der Seilbahn führen vom Ort geradewegs hinein. Jede mit einer eigenen Geschichte, mit deren Motiven dekoriert, von Rapunzel bis Frau Holle, und einem eigenen Märcheneingang an der Talstation. Ein perfekt inszenierter Ferienbeginn. Oben angekommen geht es sofort weiter.

Thijs Haverbeken ist heute eine Banane. Seine Kollegen, Kuh, Bär und Wolf, düsen irgendwo mit ihren Gruppen über die Pisten. Thijs zieht mit seinen sechs Knirpsen los, Paradiesli heißt die Anfängerpiste im besten Eidgenossen-Diminutiv. Die Banane vorweg ziehen sie, voll bei der Sache, eine saubere Serpentinenspur durch den Schnee. Thijs´ Afroperücke unterm Helm verbirgt die Tatsache, dass der Holländer fast selbst noch ein Kind ist, mit achtzehn Jahren der jüngste Skilehrer auf der Hannigalp.

„Als ich das erste Mal hierher kam, war ich so alt wie die hier“, er zeigt auf seine Schützlinge, jeder mit Namensschild auf dem Helm. Anna, Jonas, Lena und die anderen Anfänger stehen jetzt wie alte Hasen im Schlepplift bergwärts. „Schon mein ganzes Leben bin ich im Winter hier; erst zum Lernen, dann zum Fahren; vor einer Woche habe ich die Lehrerprüfung gemacht“, sagt Thijs, der als letzter zum Bügel greift. „Und ich langweile mich immer noch keine Minute. Grächen ist meine zweite Heimat.“ Thijs´ Geschichte ist die der jungen Liebe, die ewig hält. Dabei trägt er dieses zufriedene Grinsen zur Schau, das hier zur Physiognomie aller Kinderbetreuer gehört.

Der größte Kindergarten der Welt

Die Hannigalp, 2100 Meter hoch, ist morgens der größte Kindergarten der Welt. Ein ein Quadratkilometer weites Plateau, eingerahmt von einem halben Dutzend breiter, bestens präparierter, gut einsehbarer und sicherer Pisten. Eine Alm im Winterweiß, gesprenkelt von den Farben zahlloser Skianzüge. Hunderte Kinder zwischen vier und acht Jahren belegen die Grundkurse, immer von Montag bis Freitag. „In einer Woche hat hier nahezu jedes Kind den Bogen raus“, kalauert Urban Gruber, Chef einer der beiden Skischulen auf der Alp.

Gut hundert Skilehrer, viele verkleidet, geben Gruppen- und Einzelstunden. Ein eingezäuntes Areal direkt an der Bergstation, Talentschmiede genannt, ist das Herz des Gebiets; mit leichter Neigung und Förderband für die Kleinen, mit bunten Slalomhüten, Comicfiguren und Musik aus einer Zwergenhütte. Es gibt einen Schneespielplatz mit Hort, in dem Eltern ihren Nachwuchs betreuen lassen können, wenn sie auch mal allein dem Ruf der Berge folgen wollen. Das Iglu-Kino projiziert Bambi und Bibi Blocksberg auf die Eiswand. Dazu kommen Klettergrüste, Karussels, Schaukeln. Im Eiskanal geht´s in Gummireifen hinab. Ein Bestiarium an großäugigen Maskottchen blickt zudem von Plakaten und Pistenschildern hinab oder mischt sich dann und wann höchstselbst zum Erinnerungsfotoshooting unters Volk. Der Hase Snowli, der Bär Bobi, vor allem aber der Schneevogel SiSu, ein hünenhafter gelbschnabeliger Geselle, sozusagen der offizielle Kinderbeauftragte Grächens, auf jedem Prospekt abgebildet, als Knuddeltier zu kaufen und bei wichtigen Events immer dabei.

Alice im Wunderland trifft Erlebnispark

„Für ältere, die wissen wollen, wie sich Rennen anfühlen, haben wir die Skimovie-Piste dort drüben. Da wird die Zeit genommen und deine Performance auf Video gefilmt“, sagt Skilehrer Gruber. „Abends lädst du die dann runter und kannst sie mit Freunden teilen.“ Gleich dahinter liegt der Funslope, mit Sprüngen, Tunnel und Schikanen, nagelneu und für die Snowboarder-Generation konzipiert. Es gibt eine Zone 30 für Eltern, die mit den Kindern ungefährdet selbst die ersten Runden drehen wollen, Schnellrestaurant, Fonduehütte, Après-Ski-Bar, alles in wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen.

Grächens Skigebiet mit seinen 42 Kilometern Pisten ist eine gelungene Kreuzung aus Alice im Wunderland und Erlebnispark. Auch eines der kurzen Wege, übersichtlich, schnell zu erfassen und sich anzueignen. Hier oben wurde an jedes Detail gedacht.

„Als wir entschieden, uns ganz auf Familien zu spezialisieren, egal ob klein oder groß, mit Babys oder Teenagern, war klar, dass das nur hundertprozentig gehen würde“, sagt Beatrice Meichtry vom Tourismusamt. „Die ganze Gemeinde musste mitziehen und tat das dann auch. Das Ziel war, unseren Gästen alle Mühen abzunehmen, die man ihnen ersparen kann, vom ersten Moment bis zur Abreise.“

Optimale Vernetzung, umfassender Service

Das ist noch keine zehn Jahre her, hat aus dem verschlafenen Nest im Mattertal aber eine gut geölte Dienstleistungsmaschine gemacht, deren Rädchen filigran ineinandergreifen. Mit lückenlosem Netz für Transfers im Skigebiet, für Freizeit- und Schlechtwetteraktivitäten. Es gibt eine Sporthalle, eine Eisbahn, beheizte Skidepots an der Talstation, die einem das Schleppen der Ausrüstung zur Unterkunft ersparen. Die Hotels Grächens mit maximal drei Sternen bieten keinen Luxus, dafür aber einen breiten Fächer solider Alltagshilfen vom Schlittensitz zum Wickeltisch, flexible Zimmerausstattungen, großzügige Spielflächen, überwachte Räume zum Toben, Skipass-Buchung im Hotel, um das Anstehen in der Talstation zu vermeiden. „Optimale Vernetzung, ein umfassender Service, wo immer möglich kostenlos, das ist unser Kapital“, sagt Meichtry, „denn über den Preis sind wir in der Schweiz nicht konkurrenzfähig.“

Eigener Wechselkurs zum Euro

Beim Urlaubsbudget hört in Heidiland nämlich der Spaß auf. Eigentlich, denn 2011 führte der Ort einen eigenen Wechselkurs zum Euro ein. „Ein Euro gleich ein Franken dreißig“, sagt Olivier Andenmatten, Chef des Hotels Hannigalp, „das sind zwanzig Prozent Rabatt für unsere Gäste.“ Kein Marketing-Gag, denn fast während der Hälfte der Wintersaison gilt nun der Euro-Bonus. „Das war die beste Werbung überhaupt“, nickt Touristikerin Meichtry. „Überall wurde darüber berichtet. Während der Euro-Wochen tauschen selbst Schweizer ihre Franken in der Bank günstig um und bezahlen dann mit der Fremdwährung. Wir sind heute die wichtigste Familiendestination im Land.“

Hotelier Andenmatten, ein Mittdreißiger mit Ohrring und zwei Kindern, investierte zudem in ein edles Spa, „denn wenn der Tag im Schnee vorbei ist, wollen auch wir Eltern uns mal was Gutes tun, oder?“ Ein Club der kühlen Rechner ist in Grächen engagiert am Werk. Er versteht es, hinter den Kulissen des traditionellen Bergdorfes mit seinen Chalets, Fondue-Stuben und knorrig am Weg stehenden Heuschobern virtuos auf der Klaviatur erfolgreichen Marketings und Merchandisings zu spielen. Wie ein Oldtimer mit dickem Ökodiesel unter der Haube, unsichtbar, leise, effizient.

Gegen Mittag ist die Sonne hinüber zum Matterhorn gewandert, das man auch von der Hannigalp aus sieht. Urban Gruber, Thijs Haverbeken und seine Kollegen haben das Slalomrennen der Kleinsten beendet. SiSu kam und ließ sich mit jedem ablichten, die Handys der Eltern klickten ohne Pause. Es gab Medaillen und Urkunden. Nachmittags fahren alle, die noch Energie haben und versierter auf Brettern und Boards unterwegs sind, in den südlichen Teil des Grächener Skigebiets. Hier geht es hoch auf fast 2900 Meter. Die Pisten sind enger, die Abfahrten länger, liegen jetzt aber in voller Sonne. Fast könnte man glauben, die Grächener hätten auch daran geschraubt und den Berg in die Idealposition zurechtgeschoben. Zuzutrauen wär´s ihnen.

Information

Allgemein: Die Winter-Destination Grächen wendet sich vor allem an Familien (jeder Größe, auch mehrere Generationen oder mit Freunden) mit Kindern von 3 bis 15 Jahren.

Anreise: Flug bis Zürich oder Genf mit SWISS. Von da im Zug. Günstige Pauschalangebote mit dem Swiss Travel Pass unter www.swiss-pass.ch.

Unterkunft: Mindestbuchung in der Hauptsaison meist 5-7 Tage (Sa-Sa). Familienhotels (Preise für 2 Erw./2 Kin./Tag): Hannigalp, ruhige Randlage, Wellness-Spa, Ü/HP ab 420 CHF, Suite/HP 520 CHF, www.hannigalp.ch. Desirée, im Ort, Ü/HP ab 420 CHF, www.hoteldesiree.ch. Ferienwohnungen: Petunia, Chalet-Wohnung im Ort (4 Pers), ab 110 CHF, www.chalet-petunia.ch. Lunic, 2 neue, große Apartments (8/10 Pers.), Randlage, 380/420 CHF, www.azapartments.ch. Die Agentur www.fewograechen.ch hat weitere Angebote.

Pauschalpakete Winter 2015/2016: 3 Nächte/Skipass/Unterricht/Skimiete: ab 563 CHF/Pers. 7 Nächte/Skipass ab 1.088 CHF/Familie, www.graechen.ch.

Skischulen: Schweizer Ski- und Snowboardschule, Gruppenkurse (2 Std. tgl.), 5 Tage 193 CHF/Kind, www.skischule-graechen.ch. Walliser Schneesportschule, 5 Tage 195 CHF/Kind, www.schneesport-grächen.ch.

Mietausrüstung: Bei Glacier Sport kosten Ski/Stöcke/Stiefel für Kinder für 5 Tage ab 66 CHF, www.glaciersport.ch.

Weitere Informationen: Nächste Euro-Wochen: 5.3. bis 9.4.16. Die Saison endet im April, www.graechen.ch. Allgemeine Schweiz-Infos: Tel: 0080010020030 (kostenlos), www.myswitzerland.com.

Fotos: swiss-image.ch

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