Film

COMING IN

COMING IN

Coming InDie am 23. Oktober im Kino startende romantische Komödie „Coming In“ gibt Anlass zu einem wahren Freudenfest für Kostja Ullmann-Fans, denn so „süß“ und so „sexy“ hat man ihn noch nie gesehen! Und die weibliche Fangemeinde darf sich sogar vollends dem verzehrenden Schmerz hingeben, denn: Ullmann spielt einen schwulen Starfriseur. Dann aber entdeckt der „immer schon“ Schwule, dass er eine Frau liebt. Der weibliche Wunschtraum vom „besten Freund“ als Lover wird hier Wirklichkeit – und hinterlässt die Schwulenszene mit dem bitteren Nachgeschmack, nur eine bunte Modeerscheinung zu sein.

 

Ja, es ist „nur ein Film“. Und ja, er funktioniert. Dank einer perfekten Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern Kostja Ullmann und Aylin Tezel (die zuweilen schwer von Nora Tschirner zu unterscheiden ist) lacht und weint sich nicht nur die Ullman-Fangemeinde durch diese Liebeskomödie – als Stimmungsanheizer sei hier auch die exzellente Musikauswahl für den Film erwähnt.
Aber ein „Aufreger“ für jemanden, der sich noch an die Zeiten erinnert, in denen Männer und Frauen sich ihr Leben lang nicht „outen“ konnten, ist er doch! Da ordnet man gerade erst das mittelalterliche Gehabe der Erziehung zu Heterosexualität in die Geschichtsreihen ein, und schon ist wieder alles Mumpitz, weil eine neue Generation (für die das Outing etwas Normales ist) es schick findet, sich zu…“Innen“ (cool klingt das aber nicht!)? Schwulsein war also für eine gewisse Zeit „In“ – der neue Trend heißt „Ätsch! Ich hab nochmal drüber nachgedacht“? Diese Botschaft ist einfach nur blöd. Ebenso wie die Aussage, dass diese Geschichte bei „Schubladendenkern“ um Liberalität in jeder Hinsicht wirbt.

Aber es ist ja „nur ein Film“ – und der geht so:

Coming In 1

Tom Herzner (Kostja Ullmann) ist attraktiv, glamourös und erfolgreich. Er ist Berlins bekanntester Friseur und Star der Schwulenszene. In seinem von Berta (Katja Riemann) gemanagten Salon werden nur Männer bedient, während Tom sich lieber um seine Kosmetikprodukte kümmert, die inzwischen halb Europa erobern – aber eben nur halb, denn bisher verkauft er lediglich Shampoo für Männer.

Coming In 2

Toms Lebensgefährte und Manager Robert (Ken Duken) hat in Sam (Bruno Eyron), dem Vertreter eines amerikanischen Kosmetikkonzerns, einen potenziellen Partner gewonnen, der in Toms Unternehmen investieren möchte – aber nur, falls es gelingt, auch die Frauen als Kundinnen zu gewinnen. Widerwillig lässt sich Tom auf einen Foto-/Pressetermin im Neuköllner Salon „Bel Hair“ der selbstbewussten Heidi (Aylin Tezel) ein. Doch der verläuft nun gar nicht wie geplant, und obendrein beschert ein Kuss von der ahnungslosen Heidi auch noch das Stadtgespräch auf den Titelseiten der Gazetten.

Coming In 3

Trotz seiner Wut beschließt Tom, unter dem Druck des Konzerns einige Tage in Heidis Salon zu arbeiten, um weit abseits von seinem Edelsalon am Gendarmenmarkt hautnah zu erfahren, was Frauen wollen. Wenn er den Duft für ein Frauen-Shampoo kreieren will, ist das unumgänglich. Bisher hat der arrogante Star-Friseur keine Ahnung von der Weiblichkeit – entsprechend frostig verläuft die Teamarbeit im Bel Hair, wo Tom nun als auf Kiez gestylter „Horst“ seit Jahren zum ersten Mal wieder die Schere in die Hand nimmt.

Coming In 4

Gleichzeitig muss Tom sich Vorwürfe von seiner Schwulen-Clique anhören: Seine Freunde Salvatore (August Zirner) und Harry (André Jung) finden Toms Bemühen um die Frauenzielgruppe abstoßend, weil sie mit ihrem Schwulen-Magazin „andersrum“ seit Jahren für die Rechte der Homosexuellen kämpfen und Tom als prominenten Mitstreiter an ihrer Seite brauchen.

Coming In 5

Wider Willen ist der eingebildete Tom jedoch schwer beeindruckt von Heidis frecher Direktheit. Und sie entdeckt hinter Toms gestylter Fassade sehr bald einen verblüffend einfühlsamen Kollegen. Wie jetzt? Verliebt Heidi sich etwa in einen Schwulen? Tom weiß selbst nicht, wie ihm geschieht. Eine Frau?

Was Tom und Heidi fühlen, passt in keine Schublade und Toms erste Gehversuche in der Welt der Heteros bleiben nicht ohne Komplikationen.

Von Proleten aus Neukölln bis zum blödesten Schwulenwitz und der heftigsten Tunte – hier ist alles vertreten! Auch wenn der Film nun wirklich kein Klischee auslässt, so ist die Szenerie doch in sich stimmig – und trifft nicht selten den Nagel auf den Kopf. Man kann endlich einmal herzhaft laut über Schwulensprüche lachen, denn sie kommen ja aus deren Mündern. Auffällig ist, dass die zu recht angedeutete Spießigkeit unter den jungen Schönen, Reichen und „Wichtigen“ zumindest äußerlich abzufärben scheint. Denn die anfangs schrill-bunt auftretende toughe Heidi verkommt im Laufe des Films fast zu einem austauschbaren Girlie im „kleinen Schwarzen“. Kostja Ullmann hat sich in die Rolle des schwulen Edel-Coiffeurs noch besser eingefunden als seinerzeit in „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“ in die eines Rockstars. Ob das wohl daran liegt, dass er über längere Zeit „Feldstudien“ im Hamburger Schwulenviertel St.Georg betrieben hat?

Was ist nun die Intention des Films? Dazu Regisseur Marco Kreuzpaintner („Krabat“, „Trade – Willkommen in Amerika“): „Romantische Komödien funktionieren im Grunde genau wie die berühmte Tragödie ‚Romeo und Julia‘: Zwei Liebende wollen zusammenkommen, können es aber nicht. Doch in unserer heutigen liberalen Welt gibt es kaum noch Hürden, die Liebende nicht überwinden könnten. Soziale Klassenunterschiede halten zum Beispiel niemanden ernsthaft von einer Beziehung ab. Einzig in sexueller Hinsicht gibt es heute noch schwer überwindbare Grenzen. Schwule sagen: Wir sind weder gleich noch anders, wir haben einfach unsere eigene Identität. Aufgrund jahrzehntelanger Diskriminierung hat sich in dieser Szene eine gewisse Abschottung entwickelt. Sie ist inzwischen zwar aufgebrochen, aber immer noch werden die Menschen in Schubladen gesteckt: hetero – bi – schwul. Wer in keine dieser Schubladen passt, bekommt oft Probleme.“

Kreuzpaintner fährt fort: „Regisseur Stephen Daldry (‚Der Vorleser‘) wurde in einem Interview gefragt: ‚Sie leben mit einer Frau zusammen, haben aber offensichtlich Beziehungen mit Männern, haben auch Kinder, was sind Sie denn nun?‘ Seine Antwort: ‚Ich bezeichne mich selbst als homosexuell, weil jede andere Definition die Menschen verwirren würde.‘ Genau diese Verwirrung interessierte mich an ‚Coming In‘. In dieser romantischen Komödie dürfen ein Hetero-Mädchen und ein schwuler Junge einfach nicht zusammenkommen. Und wir treiben das ironisch auf die Spitze, indem die ‚feindlichen Lager‘ dafür kämpfen, dass beide Beteiligten gefälligst in ihren Schubladen zu bleiben haben. Im Grunde ist es also eine Coming-out-Geschichte, die um Liberalität in jeder Hinsicht wirbt.“

Toms Freundesclique, die das Schwulen-Magazin andersrum herausgibt, reagiert auf Toms Aufbrechen dieser Strukturen mit vehementer Ablehnung, weil das für sie politisch nicht vertretbar ist – sie sind anders sozialisiert worden und können nicht umdenken. Sie haben dafür gekämpft, dass jemand wie Star-Friseur Tom Herzner zur Ikone der Szene aufsteigt und von allen Gesellschaftsschichten akzeptiert wird. „Das könnte ebenso gut ein Geschichtsprofessor oder ein Sportler sein“, sagt Kreuzpaintner. „Diese Akzeptanz macht die ganze Schwulenbewegung stolz. Aber wenn Tom dieses Lager verlassen will, dann tut das seinen Freunden weh. Sie leben diese Überzeugung, und ich nehme sie darin ernst, denn diese Meinungen und Dialoge kenne ich aus erster Hand, aus meinen Gesprächen mit schwulen Freunden. Ich als Jüngerer wehre mich dann regelmäßig gegen das Klischeedenken wie ‚die da‘ und ‚wir‘. Tatsächlich handelt es sich um einen Generationskonflikt zwischen älteren und jüngeren Schwulen – und um die Forderung der Liberalität in den eigenen Reihen. Ich als Schwuler darf selbstironisch mit diesen Facetten spielen, ich darf, ja, ich muss politisch unkorrekt sein, denn alles andere wäre peinlich und engstirnig. Insofern fasse ich unseren Film als einen großen Kinospaß auf, in dem unter anderem auch einige ernste, nachdenkenswerte Akkorde angeschlagen werden. Und deswegen breche ich bewusst aus diesen Schubladen aus, ich weigere mich, Tom von vornherein auf eine Identität festzulegen. Hier geht es nicht um Raster, sondern um Menschen. Warum trägt ausgerechnet Heidi im Film Latzhosen? Sucht Tom deswegen in ihr eigentlich den Jungen? Wenn jemandem solche Gedanken in den Sinn kommen, heißt das einfach nur, dass wir alle in archaischen Strukturen und Urängsten gefangen sind, von denen wir uns nur schwer lösen können. All das möchte ich überwinden.“

Fazit: Dank perfekt harmonierenden Hauptdarstellern ist mit „Coming In“ eine romantische Komödie mit viel Witz gelungen. Nur, was sagt die Mutter eines schwulen Sohnes nach der Kinovorstellung nur seiner „besten Freundin“?

Coming In_PlakatKinostart: 23. Oktober; Regie: Marco Kreuzpaintner; FSK: ab 12 Jahren; Länge: 104 Minuten; Verleih: Warner; Link: film.info/ComingIn

 

Klicken Sie, um einen Kommentar hinzuzufügen.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr in Film

Nellys Abenteuer

„Nellys Abenteuer“ fürs Heimkino

Barbara Leuschner17. März 2017
Moonlight

Kinotipp: MOONLIGHT

Barbara Leuschner9. März 2017
Trolls 1

Musical-Abenteuer „Trolls“ fürs Heimkino

Barbara Leuschner7. März 2017
Disney mitmach-kino 1

Disney Junior Mitmach-Kino am 5. März!

Barbara Leuschner2. März 2017

Andreas Bourani zu seiner Rolle in Disneys „Vaiana“

Thomas Meins23. Dezember 2016
(Pictured) DORY. ©2013 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Kinotipp: FINDET DORIE

Barbara Leuschner29. September 2016
tschick-start

Kino-Tipp: TSCHICK

Thomas Meins15. September 2016
elliot-der-drache-17-rcm0x1920u

Kinotipp: ELLIOT, DER DRACHE

Thomas Meins25. August 2016

Exklusiver Clip zu CONNI & CO

Thomas Meins2. August 2016
ghostbusters-start

Kinotipp: GHOSTBUSTERS

Thomas Meins1. August 2016