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HIRNGESPINSTER

HIRNGESPINSTER

HirngespinsterEine perfekte Durchschnittsfamilie – ein Geheimnis: Aus der Sicht des 23-jährigen Sohnes erzählt „Hirngespinster“ von einem von Verfolgungswahn geplagten Vater, der jegliche medizinische Hilfe ablehnt, und damit das Familienleben auf eine gefährliche Zerreißprobe stellt – ab 9. Oktober im Kino.

 

Der 23-jährige Simon Dallinger (Jonas Nay) lebt mit seiner Familie in einer Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Wenn Simon nicht mit seinem Kumpel Guido (Michael Kranz) in dessen Bar abhängt, fährt er als Busfahrer Schulkinder durch die Gegend. Da sein Vater Hans (Tobias Moretti), ein ehemals gefeierter Architekt, schon länger keinen großen Auftrag mehr an Land ziehen konnte, hat Mutter Elli (Stephanie Japp) die Ernährerrolle übernommen, während Simon den Haushalt schmeißt und sich liebevoll um seine kleine Schwester Maja (Ella Frey) kümmert.

Hirngespinster 1Eigentlich hat Simon sich mit diesem Leben gut arrangiert – würde ihn nicht auf unterschiedlichen Wegen immer wieder die Frage einholen, warum er aus seinem großen Zeichentalent nichts macht. Doch für Simons Verhalten gibt es einen ganz konkreten Grund: sein Vater Hans leidet an Schizophrenie, fühlt sich ständig verfolgt und beobachtet, verweigert aber jegliche Behandlung.

Hirngespinster 2

Die Krankheit macht das Familienleben unberechenbar, und Simon tut alles, um das fragile Familiensystem aufrechtzuerhalten – bis zu dem Tag, an dem mit der angehenden Medizinstudentin Verena (Hanna Plaß) erstmals ein Mädchen in sein Leben tritt, das ihm wirklich etwas bedeutet.

Spätestens jetzt reicht es nicht mehr, daran zu glauben, dass alles irgendwie so weiter gehen könnte. Als der Zustand des Vaters sich immer mehr verschlechtert und Simon plötzlich an zwei Fronten kämpft, um Verena nicht zu verlieren, eskaliert die Situation zwischen Vater und Sohn…

Hirngespinster 3

In seinem Spielfilmdebüt „Hirngespinster“ zeichnet Regisseur Christian Bach ein bedrückendes Bild einer Familie, die mit aller Macht versucht, die Krankheit des Vaters zu vertuschen. Anhand der Gefühlswelt des Sohnes, der – getrieben von der Angst, die Krankheit des Vaters ebenso geerbt zu haben wie das zeichnerische Talent – sich nicht traut, die Familie zu verlassen und seinen eigenen Weg zu gehen, erlebt der Zuschauer die Eskalation der Schizophrenie des Familienoberhauptes. Dabei begegnet die fassungslose Ohnmacht des Zuschauers einer gefassten Ehefrau und Mutter. Alles scheint irgendwie gemeinsam tragbar zu sein – bis zu dem Moment, da der Sohn eine Perspektive für sein Leben erkennt und sich seinen Ängsten stellen muss.

Hirngespinster 4Dass Tobias Moretti („Das Wochenende„) diese Rolle perfekt beherrscht, war zu erwarten. Zu recht erhielt er den Bayerischen Filmpreis 2013 als bester Darsteller für seine Leistung. Jonas Nay wurde als bester Nachwuchsdarsteller geehrt. Der derzeitige Musikstudent spielt die Schlüsselrolle, die dem Publikum – und vor allem uns Eltern – aufzeigt, welche Aufgabe Kindern im, wenn auch krankhaften, Fehlverhalten eines Elternteils zukommt.

Interview mit Regisseur Christian Bach

„Hirngespinster“ ist Ihr erster langer Spielfilm, zu dem Sie auch das Drehbuch verfasst haben. Warum wollten Sie gerade diese Geschichte erzählen?
„Der Film ist inspiriert von der Familiengeschichte eines Jugendfreundes. Als ich nach und nach erfuhr, was bei ihm damals wirklich passierte, hat mich diese Geschichte nicht mehr losgelassen. Daraufhin habe ich mich gefragt, warum wir diesem ‚Familiengeheimnis‘ so lange ausgewichen sind, oder warum ich es selbst so lange nicht wissen wollte. Inzwischen glaube ich, es liegt an unserem tiefen Unbehagen gegenüber den Krankheiten der Seele, oder, im Falle von Schizophrenie, sogar an einer tief sitzenden Angst, weil noch so viel gefährliches Halbwissen und so viele Vorurteile darüber herrschen. Im Laufe der Drehbucharbeit habe ich mich dann aus Diskretion und Respekt wieder von der Familiengeschichte entfernt, habe einiges verdichtet und dazu gedichtet, ohne jedoch meinen Anspruch an Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit herunterzuschrauben. Dann zieht die Geschichte für mich ihren Reiz ganz allgemein aus dem Spannungsfeld Familie. Es geht um Liebe und Hass, um Verantwortung und Selbstbehauptung, und um die Frage, wie sehr man am Ende nach seinen Eltern kommt, ob man sein Schicksal tatsächlich selbst in der Hand hält oder doch nur Sklave seiner Gene ist. Auch wenn ich jetzt persönlich keinen Schizophrenie-Hintergrund habe, so sind das ganz universelle Themen, die mich sehr beschäftigen und die ich als Filmemacher äußerst spannend finde.“ 

Um wessen Hirngespinste geht es und welche Auswirkungen haben sie auf die
Protagonisten des Films/auf die Familie?
„Der Vater leidet an einer paranoiden Form der Schizophrenie, die in immer wiederkehrenden
Schüben auftritt. Das bedeutet, der Schizophrene ist nicht immer schizophren, sondern über weite Strecken durchaus ganz normal. Doch eine Kleinigkeit, wie die Montage einer Satellitenschüssel, kann schon der Auslöser für einen psychotischen Schub sein. So meint der Vater zu Beginn des Films, Opfer einer Verschwörung zu werden. Später glaubt er sogar, dass die eigene Familie ihn ausspioniert und hintergeht. Die Tatsache, dass jedem Wahn immer auch ein Funken Wahrheit innewohnt, ist dann nur ein kleiner Trost und macht die Sache häufig erst richtig vertrackt. Simon wiederum krankt an dem Hirngespinst, nicht liebenswert zu sein. Als Sohn eines Geisteskranken, aufgewachsen in einem Umfeld emotionaler Unberechenbarkeit und sozialer Isolierung, ringt er mit seinem Selbstwertgefühl und einem tiefen Misstrauen sich selbst gegenüber. Denn der Wahnsinn könnte ja auch in ihm stecken. Es gibt eine Wahrscheinlichkeit von 15-20%, die Disposition für Schizophrenie geerbt zu haben, wenn ein Elternteil erkrankt ist. Also durchaus ein beunruhigender Gedanke. Und da es immer noch keine Tests gibt, müssen die Betroffenen sehr lange mit dieser Ungewissheit leben.“

Simon verliebt sich in „Hirngespinster“ zum ersten Mal in seinem Leben. Was bedeutet
das für ihn?
„Der Status Quo seiner Familie, für die er bisher eine tragende Säule war, gerät damit ins Wanken. Denn die Tatsache, dass Verena bald wegzieht, spiegelt nicht nur seine eigene Notwendigkeit des Aufbruchs wider, sondern setzt ihn auch unter Handlungsdruck. Insgeheim sehnt Simon sich zwar nach echter Nähe, aber sobald es mal ernster wird, steht ihm wieder sein tiefes Misstrauen und seine Unverbindlichkeit im Weg. Bei Verena sieht sich Simon dann das erste Mal gezwungen, wirklich die Hosen runterzulassen. Denn mit 23 ist ihm seine Herkunft noch ziemlich peinlich – der Vater ist schließlich ein Freak, ein ‚Schizo‘. Da kommen dann auch biologische Mutmaßungen und Vorurteile ins Spiel, von wegen ‚der Apfel fällt nicht weit vom Stamm‘. Um diese Außenwirkung weiß Simon natürlich als ein reflektierter und empfindsamer Mensch. Aber er hat das Glück, an eine junge Frau zu geraten, die über diesen Dingen steht, die neugierig ist, nicht nachgibt, ihn aus der Reserve lockt und ihm das Gefühl gibt, trotzdem ein liebenswerter Mensch zu sein.“

Hirngespinster 5Simon fragt seine Mutter Elli im Laufe des Films: „Wie hältst du das eigentlich aus, mit
einem Schizophrenen“. Warum ist Elli bisher bei Hans geblieben?
„Das frage ich mich auch bei manch ’normalen‘ Paar, dazu braucht es keine Geisteskrankheit. Aber es stimmt, in diesem Fall drängt sich die Frage besonders auf. Einmal ist es sicherlich eine Charakterfrage, denn es gibt durchaus noch Menschen, die ‚in guten wie in schlechten Zeiten‘ ernst nehmen. In ‚Hirngespinster‘ lautet das Motto der Mutter jedenfalls ‚Wer manchmal seinen Verstand verliert, der hat wenigstens einen‘ – das zeigt, wie sie dem Problem mit gesundem Humor begegnet. Und es steckt ja auch eine Wahrheit in dem Spruch. Denn Hans ist trotz allem attraktiv, witzig und intelligent, ein getriebener Macher, ein energiegeladener Kerl und begabter Architekt, dessen Scheitern nichts mit einem Mangel an Talent zu tun hat, sondern mit seiner Krankheit. Und das ist vielleicht sogar der wichtigste Aspekt: von manischen und wahnhaften Persönlichkeiten geht oft eine unglaubliche Anziehungskraft und Faszination aus, gerade in jungen Jahren, wenn sich die Krankheit noch nicht vollständig manifestiert hat. Ich habe bei meinen Recherchen oft gehört, dass die Partner gerade das attraktiv und liebenswert fanden, was sich erst viel später als Merkmal einer handfesten Geisteskrankheit entpuppte. Und genau dieser Punkt macht das Dilemma der Mutter aus, wenn sie Hans die Medikamente dann heimlich gibt. Sie hintergeht ihren Mann, sie weiß um die persönlichkeitsverändernde und sedierende Wirkung der Medikamente, ist aber trotzdem bereit, diesen Preis zu zahlen, um ihren Mann nicht zu verlieren.“

Warum verweigert der Vater so vehement jegliche Medikation?
Das Hauptproblem des Vaters ist nicht die Schizophrenie allein, sondern seine völlige Verweigerung einer Krankheitseinsicht. Wenn er sich also für kerngesund hält, warum sollte er dann noch Medikamente nehmen? Das macht die Situation natürlich besonders aussichtslos und belastend. Dann handelt es sich bei diesen Medikamenten ja um Psychopharmaka, die massiv in die Biochemie des Hirns eingreifen. Ein Betroffener hat mir die Wirkung einmal so beschrieben: ‚Ein stecknadelkleiner Teil des Hirns funktioniert nicht richtig, und man schießt zur Behandlung mit einer Schrotflinte drauf.‘ Wahr ist allerdings auch, dass sehr viele Betroffene und Angehörige heilfroh sind, dass es diese Medikamente gibt, spätestens wenn sie eine gefährliche, gar lebensbedrohliche Psychose eindämmen. Trotzdem sind, langfristig betrachtet, persönlichkeitsverändernde Nebenwirkungen auch bei den neuen atypischen Neuroleptika nicht zu leugnen. Die Betroffenen klagen neben rein körperlichen Defiziten häufig über Antriebslosigkeit und eine starke geistige Einschränkung. Das ist für kreative Menschen natürlich besonders schlimm. Wenn man also dem Wahnsinnigen seinen Wahn nimmt, was bleibt dann noch von ihm? Für mich ein echtes Dilemma – es gibt keine richtigen Antworten, nur interessante Fragen.“

Hirngespinster 6Tobias Moretti spielt den schizophrenen Familienvater Hans, Jonas Nay seinen Sohn. Was
waren die Herausforderungen dieser Rollen, wie war die Zusammenarbeit?
„Tobias Moretti stand vor der Herausforderung, einen Schizophrenen in diversen Zuständen absolut glaubhaft zu verkörpern, vom sukzessiven Abgleiten in eine Psychose bis hin zu ihrem exzessiven Höhepunkt, und das alles mit der Angst, der Wut und dem Schmerz eines von seiner Paranoia gepeinigten Menschen. Er musste dabei einen Psychotiker auch von seiner weniger schmeichelhaften Seite zeigen, wenn er tagelang nicht geschlafen und nicht geduscht hat, nicht zu schweigen von den Auswirkungen der Neuroleptika. Darüber hinaus galt es, der Figur ihre Würde zu belassen. Die Rolle von Hans definiert sich ja nicht als Irrer, sondern als ein vielschichtiger Mensch mit einer langen Geschichte als Ehemann, Vater, Architekt, und manchmal halt auch als Wahnsinniger. Aber Tobias hat den ‚Irren‘ nicht schauspielerisch ausgestellt, sondern der Figur eine tiefe Menschlichkeit gegeben, mit einer breiten Palette an Emotionen und feinen Nuancen. Dafür hat Tobias alles mitgebracht, was ich mir als Regisseur nur wünschen konnte: Respekt, Vertrauen, Leidenschaft, Mut und Hingabe. Er ist ein wunderbarer Schauspieler, einer unserer besten, und die Arbeit mit ihm war für mich ein großartiges Erlebnis und eine Riesenfreude. Jonas Nay wiederum hatte mit seiner Hauptfigur Simon natürlich die Hauptlast des Films zu tragen. Er musste sich sowohl gegenüber einer charismatischen Vaterfigur, als auch gegenüber der schauspielerischen Urgewalt von Moretti behaupten. Aber Jonas stand ihm da in nichts nach, hat seine Aufgabe mit Bravour gemeistert und von Anfang eine unendliche Leidenschaft für den Film mitgebracht. Die Figur macht im Laufe des Films eine subtile Entwicklung durch, viele der Konflikte sind rein innerlich, und Jonas hat diese Konflikte sehr glaubhaft dargestellt und die Entwicklung von Simon spürbar gemacht, mit all seiner Zerrissenheit, seiner Sehnsucht, seiner Angst, selbst verrückt zu werden und seinem Dilemma mit der Verantwortung. Allein das alles unter einen Hut zu bekommen, ist schon eine großartige Leistung. Davon abgesehen ist Jonas Nay einfach ein toller Typ, absolut down-to-earth, einer, dem man den Jungen von nebenan sofort glaubt, weil er dieses sympathische Leinwand-Charisma ohne Poster-Boy-Attitüde hat.“

Eine letzte Frage: Wie nah am Wahnsinn sind wir alle eigentlich?
„Ich finde, das kommt ganz drauf an, was wir als normal empfinden. Und für mich ist normal, wer mit seinem Wahnsinn gut leben kann.“

Hirngespinster_PlakatKinostart: 9. Oktober; Regie: Christian Bach; FSK: ab 12 Jahren; Länge: 96 Minuten; Verleih: Movienet; Link: hirngespinster.de

 

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