Film

MR. MAY UND DAS FLÜSTERN DER EWIGKEIT

MR. MAY UND DAS FLÜSTERN DER EWIGKEIT

Mr May 1Getragen vom grandiosen Haupdarsteller Eddie Marsan ist „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ein berührendes, melancholisches und auch überraschend komisches Drama über einen „Funeral Officer“ aus London, der mit großer Sorgfalt und Hingabe Beerdigungen für Menschen ohne Hinterbliebene organisiert – ab 4. September im Kino.

 

„Ich wollte keinen Film über den Tod machen, sondern einen über das Leben. Es gibt heute viele vereinsamte Menschen, und mein Protagonist ist einer, der sich um diese verlorenen Seelen kümmert. Jemand, der ihnen zum Abschied noch einmal das schenken will, was sie im Leben nicht mehr hatten: die volle Aufmerksamkeit.“ (Uberto Pasolini)

Mr May 2

John May (Eddie Marsan) ist ein Mensch der besonderen Art: Ein Eigenbrötler, akribisch, zurückhaltend, aber mit einem großen Herz für andere. Mit wahrer Engelsgeduld kümmert er sich als „Funeral Officer“ im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung um die würdevolle Beisetzung einsam verstorbener Menschen. Selbst für das Schreiben der Trauerreden findet er Zeit und Worte – gehalten auf Trauerfeiern, die nur auf einen einzigen Gast zählen können: Mr. May.

Mr May 3Doch John Mays Sorgfalt und Hingabe – das Aufspüren von Angehörigen anhand von Fotografien und Briefen – passen nicht zu dem strengen Gebot der Wirtschaftlichkeit, das sich die Stadtverwaltung auf die Fahnen geschrieben hat: Warum sich eine solche Mühe machen für Tote, die keiner mehr kennt?

Mr May 4
Johns Stelle wird gestrichen, ein letzter Fall bleibt ihm: Billy Stoke, einsam gestorben in seiner verwahrlosten Wohnung – genau vis-à-vis von Mays penibel geordnetem Zuhause. Fast obsessiv stürzt sich John May auf diesen letzten Fall, der ihm so nahe ist. Wer war dieser Billy Stoke? Wie war sein Leben, wer waren seine Freunde, hatte er Familie?

Mr May 5

Als May auf die ersten Spuren und auf die Tierpflegerin Kelly (Joanne Froggatt) stößt, beginnt eine befreiende Reise, die ihn auch sein eigenes Leben mit allen Aufregungen und Gefahren wagen lässt.

Am Anfang von „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ stand für Regisseur und Drehbuchautor Uberto Pasolini ein Zeitungsinterview mit einem „Funeral Officer“, der Beerdigungen für Menschen ohne Hinterbliebene organisiert. „Ich war beeindruckt von der Vorstellung dieser einsamen Beerdigungen und verlassenen Gräber. Das ist ein sehr starkes Bild“, erzählt Uberto Pasolini. „Ich begann über Einsamkeit und Tod nachzudenken, darüber, was es bedeutet, Teil einer Gemeinschaft zu sein und wie sehr der Aspekt von Nachbarschaftlichkeit für viele Menschen verschwunden ist. Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden. Für mich ist der respektvolle Umgang mit den Toten, die Würdigung vergangenen Lebens grundlegend für eine Gesellschaft, die sich zivilisiert nennen möchte.“

Die Figur des John May muss auch im eigenen Leben mit Einsamkeit umgehen, aber in seinem letzten Fall selbst den Sprung ins Leben wagen. Eddie Marsan („The World’s End„) verkörpert diesen John May  mit seiner ersten Hauptrolle in dem stillen Drama „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ perfekt. Ihm gelingt es, mit gekonnter Mimik und Gestik ohne viele Worte jemanden darzustellen, der zwar mit all seinen Emotionen in sich gefangen zu sein scheint, aber dennoch seine Mitmenschen von ganzem Herzen liebt und sich für deren Leben interessiert. 

Eddie Marsan war von der Sensibilität des Drehbuchs sofort angetan. „Das ist eine faszinierende und wunderschöne Geschichte über Sterblichkeit, über Einsamkeit und die Notwendigkeit, sein Leben mit anderen zu teilen“, sagt er. „Ubertos Buch ist tief und aufrichtig empfunden und bis zur Schmerzlichkeit berührend. Es geht um Leben und Sterben, um Freundschaft, Familie, Gemeinschaft – das ist eine Geschichte, die wirklich von Herzen kommt, und das macht sie so einzigartig. Ich wollte die Rolle unbedingt spielen.“

„John May hat ein sehr strukturiertes Leben, bis er mit seinem Job auch sein Refugium verliert. Er ist gezwungen, sich mit dem Kopf voraus dem Leben zu stellen. Mit seinem letzten Fall, wenn er das Leben von Billy Stoke recherchiert, der ihm gegenüber gewohnt hat, beginnt er sich zu öffnen: Weil ihm dieser Billy so nah ist, weil dessen verwahrloste Wohnung gewissermaßen das verzerrte Spiegelbild seiner eigenen Wohnung ist. Er wird sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Das Leben verpasst ihm eine Ohrfeige.“ (Eddie Marsan)

Fazit: Ein Film, der ohne viele Worte auskommt und genau das transportiert, worauf es ankommt: respektvoller Umgang mit den Mitmenschen.

Die Unbedachten
In Deutschland herrscht Bestattungspflicht, die gesetzlichen Regelungen dazu sind Ländersache. Die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige obliegt den Ordnungsämtern der Kommunen. Neben den ordnungsamtlichen Bestattungen bei solchen Sterbefällen – ein stetig wachsendes Großstadtphänomen – gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die bestattungspflichtigen Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was neben dem demografischen Wandel wesentlich mit der Streichung des sogenannten „Sterbegelds“ aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat.

Die Durchführungen von Amtsbestattungen werden von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. 2011 gaben die Sozialämter dafür fast 58 Millionen Euro aus. Auch wenn sich die Ländergesetze im Detail unterscheiden, müssen bei einer Beisetzung in der Regel die Wünsche der Verstorbenen „im ortsüblichen Rahmen“ befolgt werden. Bei der Auslegung dieser Verordnung bestehen allerdings große Unterschiede, ebenso wie bei der finanziellen Beteiligung. Erdbestattungen bei Amtsbeisetzungen sind nur noch in wenigen Kommunen erlaubt, das namenlose Urnengrab ist die Regel.

Steuert Heilbronn bis zu 3.000 Euro bei, sind es in Berlin nur noch 750 Euro. Die Gestaltung der Beisetzung fällt ebenso unterschiedlich aus:
Viele Ordnungsämter und ihre Mitarbeiter bestehen auf einer kleinen Trauerzeremonie und Blumenschmuck, während andernorts Vertreter von Kirchen und Bestatter-Innung eine kalte „Entsorgungsmentalität“ beklagen. Im Bezirk Berlin-Neukölln dauert die Ordnungsamtsbestattung nach Presseberichten gerade einmal eine Minute pro Urne.

Eine Vielzahl von Initiativen engagiert sich seit Jahren für die würdevolle Beisetzung einsam Verstorbener. In Köln besteht seit 1997 eine Interessengemeinschaft zur Bestattung obdachloser Menschen, seit 2006 gibt es einen monatlichen ökumenischen „Gedenkgottesdienst für die Unbedachten“, 2008 wurde die anonyme Bestattungspraxis auf Initiative u.a. von Bestatterverband und Kirchen abgeschafft. Vergleichbare Initiativen existieren z.B. in Hamburg, Berlin, Detmold und Göttingen. In Saarbrücken meldeten sich auf eine Zeitungsanzeige einer Bestattungsfirma sofort ehrenamtliche Trauergäste, in Osnabrück haben sich evangelische und katholische Kirchengemeinden mit dem Humanistischen Verband zur Organisation einer monatlichen Trauerfeier zusammengetan, zu der regelmäßig bis zu 80 Trauergäste kommen. Darunter finden sich – eine Erfahrung auch der anderen Initiativen – regelmäßig auch Freunde oder wenigstens Bekannte der Verstorbenen, die durch die meist von der Lokalpresse gesponsorten Traueranzeigen auf den Todesfall aufmerksam wurden.

Mr May_PlakatKinostart: 4. September; Regie: Uberto Pasolini; FSK: ab 12 Jahren; Länge: 92 Minuten; Verleih: Piffl medien GmbH; Link: mister-may.de

 

Klicken Sie, um einen Kommentar hinzuzufügen.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Mehr in Film

Nellys Abenteuer

„Nellys Abenteuer“ fürs Heimkino

Barbara Leuschner17. März 2017
Moonlight

Kinotipp: MOONLIGHT

Barbara Leuschner9. März 2017
Trolls 1

Musical-Abenteuer „Trolls“ fürs Heimkino

Barbara Leuschner7. März 2017
Disney mitmach-kino 1

Disney Junior Mitmach-Kino am 5. März!

Barbara Leuschner2. März 2017

Andreas Bourani zu seiner Rolle in Disneys „Vaiana“

Thomas Meins23. Dezember 2016
(Pictured) DORY. ©2013 Disney•Pixar. All Rights Reserved.

Kinotipp: FINDET DORIE

Barbara Leuschner29. September 2016
tschick-start

Kino-Tipp: TSCHICK

Thomas Meins15. September 2016
elliot-der-drache-17-rcm0x1920u

Kinotipp: ELLIOT, DER DRACHE

Thomas Meins25. August 2016

Exklusiver Clip zu CONNI & CO

Thomas Meins2. August 2016
ghostbusters-start

Kinotipp: GHOSTBUSTERS

Thomas Meins1. August 2016