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EINE GANZ RUHIGE KUGEL

EINE GANZ RUHIGE KUGEL

Eine ganz ruhige KugelAm 3. Juli startet mit „Eine ganz ruhige Kugel“ eine warmherzige Komödie über den französischen Nationalsport Boule in unseren Kinos. Diese Liebeserklärung an Frankreich zeigt, wie es zwei Freunden – Gérard Depardieu und Comedy-Star Atmen Kelif – trotz vieler Widerstände gelingt, gemeinsam ihre Träume zu erfüllen.

 

Nur die Sonne ist Zeuge, wenn Momo (Atmen Kelif) und Jacky (Gérard Depardieu) auf den Dorfplätzen ihrer südfranzösischen Heimat ahnungslose Boule-Spieler abzocken. Zur Zeit des Apéritifs, unter schattigen Platanen, läuft jedes Mal dieselbe bewährte halbkriminelle Wett-Nummer ab: Momo gibt sich als untalentierter, tumber Hobbyspieler aus, doch in Wahrheit ist er ein Meister der Stahlkugeln und gewinnt jede Partie, an der er teilnimmt, haushoch. Auf diese nicht ganz legale Weise halten sich Jacky, der früher selbst mal ein fitter Boule-Champion war, und der jüngere Momo, Sohn algerischer Einwanderer, über Wasser. Die beiden kennen sich seit einer halben Ewigkeit, und mit den Jahren ist Jacky zu einer Art Ersatzvater für Momo geworden, der bewundernd zu ihm aufschaut. 

Eine ganz ruhige Kugel 1

Richtig zufrieden sind sie dennoch nicht mit ihrem Leben. Jacky hat bei einem örtlichen Mafia-Typen gewaltige Schulden, die der mit immer brutaleren Methoden einzutreiben versucht, und nebenher gibt er alles, um seine Ehe mit Isa (Carole Franck) zu retten. Doch die hat schon länger die Nase voll und droht damit, Jacky zu verlassen. Momo seinerseits ist dauerarbeitslos, während seine Beziehungen zu Frauen nur von kurzer Dauer sind. Was ihn am Leben hält, ist sein Traum, eines Tages ein gefeierter Boule-Champion zu werden. Bis dahin hängt er an den Rockzipfeln seiner autoritären Mutter, die ein Couscous-Restaurant führt und sich ständig darüber aufregt, unter welch schlechten Einfluss ihr guter Junge geraten ist. Und weil algerische Söhne ihrer Mama gehorchen, liefert Momo, wenn er nicht gerade Boule spielt oder tagträumt, für sie Couscous aus.

Eine ganz ruhige Kugel 2

Als der schmierige Geschäftsmann Stéphane Darcy (Edouard Baer) in einer Sportsendung eine internationale Boule-Meisterschaft mit 500.000 Euro Preisgeld ankündigt, wittern Momo und Jacky ihre große Chance. Fortan trainiert Jacky seinen Zögling Momo Tag und Nacht. Trotz aller Ressentiments und mit Hilfe der selbstbewussten Caroline (Virginie Efira) wird Momo ins französische Team gewählt und avanciert bald zum Star und Teamchef. Als der Sponsor jedoch Widerstand gegen den algerisch-stämmigen Momo anmeldet und dieser als vermeintlich illegaler Einwanderer abgeschoben wird, sieht sich Momo vorerst am Ende seiner Träume…

„Eine ganz ruhige Kugel“ ist eine typische Gérard Depardieu-Komödie, in der er das mürrische Raubein mit großem Herzen gibt. Mit Comedy-Star Atmen Kelif („Asterix & Obelix – Im Auftrag ihrer Majestät“), auf dessen Idee der Film beruht und der auch am Drehbuch mitschrieb, und einer hinreißenden Virginie Efira („Mein liebster Alptraum“) an seiner Seite kann man sich auf solide 99 Minuten seichte Unterhaltung freuen, die allerdings zu wenige Ecken und Kanten aufzeigt. Und die hätte man erwarten können bei der interessanten Frage, ab wann sich denn ein Migrant als der Nation zugehörig fühlen darf. Denn da steht der Nationalsport Boule stellvertretend für den Nationalstolz der Franzosen – und in „Eine ganz ruhige Kugel“ muss die Nationalmannschaft rein französisch sein, auch wenn man dafür schlechtere Spieler in Kauf nimmt. Die Ausweisung des Algeriers bringt die Geschichte an einen interessanten Wendepunkt, aus dem man mehr hätte machen können, oder vielleicht hätte machen müssen? Wenn es auch anfangs fast so aussieht, so windet sich „Eine ganz ruhige Kugel“ doch aus diesem Dilemma heraus, und das mit einem an die alten Louis de Funès-Filme erinnernden Charme, der durch einen Auftritt von Michel Galabru – dem alten Gegenspieler von de Funès aus den „Gendarm von Saint Tropez“-Brüllern – noch unterstrichen wird.

Das Boule-Spiel allerdings kommt mit diesem Film ganz groß raus und es ist faszinierend anzusehen, mit wie vielen verschiedenen Wurftechniken die Stahlkugeln möglichst dicht ans Schweinchen gebracht werden können.

Interview mit Atmen Kelif

Eine ganz ruhige Kugel 3

Wie kam es zu diesem Projekt?
„Die Idee zu dem Film hatte ich, als mir auffiel, wie sich ein paar tunesische Boule-Spieler während eines Turniers, das auf einem Sportsender übertragen wurde, permanent anschnauzten. Den Werdegang dieser Spieler zu erzählen und das Boule-Spiel wie einen Boxkampf zu schildern, quasi als Kampf ihres Lebens, könnte eine schöne Geschichte ergeben, fand ich. Für mich ist das Boule-Spiel der Basketball der Franzosen, und für Franzosen, die ursprünglich aus Nordafrika stammen, eignet sich Boule ideal als Schuhlöffel zur Integration, vor allem im Süden Frankreichs. Es müssen sich nur ein paar Leute zum Boulespielen zusammen finden, schon verbrüdern sie sich – selbst wenn sie ständig streiten oder sich rassistisch beschimpfen. Wenn Momo, unser Held, beim Boule-Spiel glänzt, fühlt er sich restlos integriert, dann gibt es keine Weißen, keine Schwarzen und keine Araber mehr – nur noch sportliche Konkurrenten, die sich auf faire Weise miteinander messen. Und das war es, wovon ich in erster Linie erzählen wollte.“

Ihren eigenen Werdegang haben Sie in die Geschichte einfließen lassen…
„Das stimmt. Würde man das Boule-Spiel durch die Bühne ersetzen, könnte es sich um meine eigene Geschichte handeln. Ich wollte keine Geschichte eines Nordafrikaners aus der Vorstadt erzählen, der Rapmusik macht oder sich als Stand-up-Komiker ausprobiert – ich wollte von einem unscheinbaren Typen aus dem Süden Frankreichs erzählen, der in seinem Dorf vor sich hin lebt, Boule spielt und darauf wartet, dass endlich ein Wunder geschieht.“

Momo ist also gewissermaßen Ihr Alter ego?
Meine Mutter besaß – wie die Mutter im Film – ein Restaurant in einem Dorf im Südwesten Frankreichs, und dort lernte ich eine Theatertruppe kennen, die häufig bei uns aß. Ihretwegen ließ ich meine Freunde und Familie zurück und ging nach Paris, um Theater zu machen. Dort lernte ich einen Schauspieler kennen, der mich sehr unterstützte und mich endgültig mit dem Theatervirus infizierte. Die Figur des Jacky ist von ihm inspiriert. Irgendwann wurde ich Ensemblemitglied bei einer nicht ganz unbedeutenden Truppe, doch im ersten Jahr ließen sie mich eher links liegen. Erst als ich spontan für jemanden einspringen musste, war das die Chance, auf die ich so lange gewartet hatte. Es gibt zwischen meinem Werdegang und dem von Momo also durchaus Parallelen; auch ich musste mich mit meiner Identität arrangieren, musste akzeptieren, dass ich faktisch Franzose bin, aber in Algerien zur Welt kam. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass unser Film autobiografisch ist. Momo ist eher wie ein Cousin, der ähnliche Sachen wie ich erlebt hat…“

Momo ist ein Mann, der ziemlich frustriert ist…
„Ja, obwohl er studieren wollte, hat er es nicht getan. Seine Integration in den 1980er Jahren ist weitgehend gescheitert. Damals musste man sich still verhalten – insofern ist er zu früh zur Welt gekommen. Denn nur ein paar Jahre später gab es plötzlich Khaled, Zidane und Jamel Debbouze, die dabei mithalfen, dass sich Nordafrikaner im öffentlichen Bewusstsein ihren Platz erobern. Wer heute in Frankreich unterwegs ist, stellt fest, dass unterschiedliche Gemeinschaften friedlich nebeneinander leben, und das häufig dank der Kultur oder anderer Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel dem Sport. Aber wir haben keinen Film über das Boule-Spiel gedreht, sondern erzählen unsere Geschichte anhand des Boule-Spiels.“

In welcher Gegend wurde der Film gedreht?
„Ich wollte den Anschein vermeiden, als wäre unser Film in einer Postkartenidylle entstanden. Es sollte ein Süden sein, in dem die Krise zu spüren ist, ein Süden der verlassenen Dörfer und stillgelegten Fabriken, zwischen Campingplatz und Meer. Das Boule-Spiel ist bei uns ein Nationalsport, der im Norden, Süden, Osten und Westen gespielt wird, aber ich wollte auch von diesem anderen allgegenwärtigen ‚Phänomen‘ erzählen: der Arbeitslosigkeit – sie ist ebenfalls in allen Ecken des Landes anzutreffen. Charles Aznavour hat einmal gesagt: ‚Im Sonnenschein wirkt das Elend nicht ganz so schlimm‘. Eine Beobachtung, die perfekt zu unserer Komödie passt.“

Eine ganz ruhige Kugel_PlakatKinostart: 3. Juli 2014; Regie: Frédéric Berthe; FSK: ab 6 Jahren; Länge: 99 Minuten; Verleih: Universum Film; Link: Eine-ganz-ruhige-Kugel.de

 

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