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„Der letzte schöne Tag“ auf DVD

„Der letzte schöne Tag“ auf DVD

Alle 45 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, alle 5 Minuten versucht es einer. Über das Tabuthema Selbsttötung hat die Autorin und Grimme-Preis-Trägerin Dorothee Schön ihre eigenen persönlichen Erfahrungen in einem außergewöhnlichen Drehbuch verarbeitet, das von Regisseur Johannes Fabrick einfühlsam umgesetzt wurde. Der am 19. April bei Edel: Motion auf DVD erscheinende Fernsehfilm „Der letzte schöne Tag“ beschreibt sensibel, wie eine Familie am Selbstmord der Mutter verzweifelt und wie die Hinterbliebenen mit Hilflosigkeit, Kummer, Schuldgefühlen, Trauer und auch Wut fertig werden müssen. 

Inhalt:
Der erste schöne Tag im Herbst ist für Lars Langhoff (Wotan Wilke Möhring) und seine beiden Kinder Maike, 13 (Mathilda Merkel) und Piet, 7 (Nick Julius Schuck) der letzte schöne Tag für lange Zeit. Die Anästhesistin Sybille Langhoff (Julia Koschitz) kann gegen den Wunsch zu sterben nicht länger ankämpfen. Bevor sie sich das Leben nimmt, ruft sie ihren Mann und die Kinder an, um noch einmal ihre Stimmen zu hören. Doch das können Lars und die Kinder nicht ahnen.

Keiner bemerkt etwas, für sie ist es nur ein ganz normales Telefonat. Später werden sie sich schwere Vorwürfe machen, denn noch am selben Tag begeht Sybille Suizid. Niemand im Umfeld Sybilles hat von ihrer Todessehnsucht gewusst, und so hinterlässt ihr Tod die Familie völlig geschockt und ratlos, und auch Sybilles Abschiedsbrief wirft eher Fragen auf, als dass er sie beantwortet.

Der Fernsehfilm „Der letzte schöne Tag“ beschreibt überaus sensibel, wie eine Familie am Selbstmord der Mutter verzweifelt und wie die Hinterbliebenen mit Hilflosigkeit, Kummer, Schuldgefühlen, Trauer oder auch Wut fertig werden müssen. Alltägliche und profane Dinge wie Haushalt, Schule, Job, aber auch der Gang zum Bestattungsunternehmen, das Aussuchen der Grabstelle oder das Aufsetzen der Todesanzeige müssen vom völlig überforderten Familienvater Lars bewältigt werden.

Gleichwohl versucht Lars, gegenüber Familie, Freunden und Kollegen die Fassung zu bewahren. Doch als bei Sybilles Beerdigung Lars Schwester das ergreifende Gedicht „Letztes Lied“ vorträgt, bricht er weinend zusammen und verliert seine verzweifelt aufrecht erhaltene Selbstbeherrschung. Nichts wird für Lars und die Kinder je mehr so sein, wie es war, jedoch scheint die unbarmherzige Erkenntnis, dass das Leben weiter gehen wird, fast wie ein kleiner Trost.

„Der letzte schöne Tag“ beeindruckt durch seine Wahrhaftigkeit und ohne Pathos und vor allem auch durch das intensive Spiel der wunderbaren Schauspieler Wotan Wilke Möhring, Mathilda Merkel und Nick Julius Schuck. Es gelingt ihnen auf eindrucksvolle Weise, ihre schwierigen Rollen glaubhaft darzustellen und so den Zuschauer bis ins Innerste zu berühren.

Schon allein deshalb gewann die WDR-Produktion „Der letzte schöne Tag“ den Grimme-Preis 2013 in der Kategorie „Fiktion/Spezial“. Wotan Wilke Möhring (demnächst als „Tatort“-Kommissar zu sehen und ab 18. April in „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ im Kino) wurde zudem für seine herausragende Leistung bereits mit dem Deutschen Fernsehpreis 2012 als „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet.

Interview mit Drehbuchautorin Dorothee Schön
Freitod, Selbsttötung, Selbstmord – welches Wort beschreibt am besten die letzte Tat eines Menschen, der sich aufgrund einer Krankheit dem Leben nicht mehr gewachsen sieht und sich den Tod wünscht?
„Landläufig benutzen alle das Wort ‚Selbstmord‘. Doch ‚Mord‘ impliziert eine Wertung, und als Sünde hat es die Kirche ja auch früher gesehen. Dagegen erscheint mir ‚Freitod‘ doch zu idealisierend. Menschen, die sich aufgrund einer Depression umbringen, sind nicht wirklich ‚frei‘. ‚Selbsttötung‘ klingt dagegen wie Beamtendeutsch. Am besten passt für mich persönlich die Formulierung, jemand habe sich das Leben genommen.“

Gab es einen konkreten Anlass, sich dieses Themas anzunehmen?
„Ich bin selbst Betroffene. Meine Mutter hat sich das Leben genommen, und einige Jahre später auch meine Schwester. Zunächst war es für mich undenkbar, diese Erfahrungen fiktional zu verarbeiten. Aber ich habe im Lauf der Zeit andere Menschen kennengelernt, die Ähnliches erlebt haben, und so ist die Idee zu diesem Film entstanden; ein Film nicht über diejenigen, die sterben wollen, sondern über die Hinterbliebenen nach einem Suizid. Ich habe in Kirsten Hager, der Produzentin, von Anfang an eine sensible und hartnäckige Partnerin gefunden, die tatsächlich zehn Jahre lang gefragt hat, wann ich das Buch endlich schreibe…“

Wie haben Sie sich auf dieses Thema letztlich vorbereitet?
„Meine eigene Familiengeschichte war traurigerweise die Vorbereitung auf dieses Drehbuch. Außerdem wurde ich von Dr. Peter Heinl, einem Psychiater und Familientherapeuten, und von Lydia Willemsen, Trauerbegleiterin der Caritas, fachlich hervorragend beraten. Natürlich habe ich auch noch viel Literatur gewälzt, um die Thematik besser zu durchdringen. Das schafft üblicherweise professionelle Distanz. Doch in diesem speziellen Fall hat es eher dazu geführt, dass ich anfing paranoid zu werden. Ich habe plötzlich meinen Mann und meine Kinder besorgt beobachtet, aus Angst, mir könnte eine Seelenkrise bei ihnen entgehen und ich könnte Warnzeichen übersehen. Ich war mehr als einmal kurz davor, das Projekt aufzugeben, weil es mich stark verunsichert hat. Aber Kirsten Hager hat nicht locker gelassen. Und mit dem Abschluss dieser Arbeit haben sich meine Sorgen auch wieder gelegt.“

Sie haben nicht noch einen anderen Handlungsstrang zu dieser Familientragödie hinzuerfunden, es gibt keine überraschenden dramaturgischen Zuspitzungen – war für Sie von Anfang an klar, dass es vollauf genügt, die Tage nach dem Selbstmord der Mutter ganz und gar bei der Familie zu bleiben und sie gewissermaßen zu beobachten?
„Dieses Buch ist völlig anders entstanden als meine Drehbücher üblicherweise. Es gab kein Konzept, kein Treatment, keine geplante Dramaturgie. Ich habe mich einfach hingesetzt und die erste Szene geschrieben und dann die nächste und irgendwann war das Buch fertig. Ursprünglich hatte ich gedacht, dass die Geschichte das erste Jahr der Familie nach dem Tod der Mutter erzählen würde, aber ganz schnell habe ich gespürt, dass die dafür notwendigen Zeitsprünge die Gefahr in sich bergen, dass ich ausweiche. Im Film geht das ja immer so elegant: Schwups, und schon ist ein Monat vergangen…“

Was im krassen Widerspruch zur Realität steht…
„Jeder, der schon einmal den Tod eines nahen Angehörigen erlebt hat, weiß, wie sich das anfühlt, wenn die Zeit schlagartig stillsteht. Die Stunden und Tage danach brennen sich ins Gedächtnis ein. Auch nach Jahren weiß man noch, wo man gerade war, als einen die Todesnachricht erreichte. Die Grausamkeit einer solchen Situation liegt ja darin, dass es eben keinen schnellen Vorlauf gibt. Im Gegenteil: Eine Art emotionale Zeitlupe setzt ein. Man muss funktionieren. Was gibt es bei der Beerdigung zu essen? Welchen Sarg kauft man? Was sagt man den Nachbarn? Wohin mit den persönlichen Sachen des Toten? Äußerlich regelt man mechanisch die Notwendigkeiten. Innerlich ist man schockgefrostet. Bei diesem Buch wollte ich auch bewusst auf die üblichen dramaturgischen Wendungen verzichten, mit denen man beim Geschichtenerzählen operiert: Dass sich beispielsweise in Akt zwei alles zuspitzt, weil die Tochter herausfindet, dass der Vater doch ein Verhältnis mit der netten Nachbarin hatte, also mehr Drama, mehr Action, mehr Tränen. Doch genau das wollte ich nicht. Von der leider oft üblichen Forderung nach normativer Dramaturgie bin ich glücklicherweise von meinen Partnern verschont geblieben.“

Jedes Familienmitglied hat eine andere Art, mit den Geschehnissen umzugehen. Haben sich die unterschiedlichen Arten, auf den Selbstmord Sybilles zu reagieren, sofort erschlossen? Gab es eine Figur, die es Ihnen besonders schwer gemacht hat?
„Auf jeden der drei Protagonisten – den Ehemann Lars, die pubertierende Tochter Maike und den noch kleinen Sohn Piet – wirkt der Tod von Sybille natürlich anders. In Piets Alter besitzt ein Kind noch die Fähigkeit des magischen Denkens. Für Piet ist seine Mutter noch da, vor allem im Zwielicht des Einschlafens oder der verträumten Einsamkeit auf einer Parkbank. Die Erwachsenen halten ihn aus allem raus, in dem Glauben, ihn zu schonen, dabei schonen sie damit eigentlich sich selbst. Je jünger ein Kind ist, desto häufiger glauben wir Erwachsenen, dass es nicht so viel ‚mitkriegt‘. Doch das Gegenteil ist der Fall: Kinder sind Seismographen ihrer Umwelt, auch wenn sie das noch nicht verbalisieren können. Anders Piets ältere Schwester Maike … Sie wird einbezogen und reflektiert, was passiert. Aber gerade deshalb ist sie auch besonders empfänglich für Kränkungen und Vorwürfe. Die harmlosen pubertären Reibereien mit der Mutter bleiben durch ihren Tod ohne eine Chance auf Versöhnung auf ewig im Raum stehen. Das ist besonders grausam in einer Phase des Lebens, in der man seine eigene Identität entwickeln möchte, und sei es auch in Abgrenzung und Konfrontation zu den eigenen Eltern. Eigentlich ist die Pubertät für sich genommen ja schon Drama genug, und dann kommt der Verlust der Mutter für Maike noch obendrauf. Das ist hart.“

Und Lars, der Vater?
„Er steckt in einem doppelten Dilemma: Er ist selbst existenziell verletzt und verunsichert, will aber für die Kinder stark sein. Würde es den Kindern helfen, wenn er ihnen seine widerstreitenden Gefühle zeigt? Oder würde es sie noch mehr belasten? Gleichzeitig kämpft er mit einem übermächtigen Schuldgefühl. Und mit Ohnmacht. Mit Einsamkeit. Und irgendwann auch mit Wut. Dazu die gesteigerten Widrigkeiten des Alltags, Probleme mit der Arbeit, finanzielle Sorgen, verständnislose Mitmenschen. Es fiel mir nicht schwer, mich in die Hauptfiguren hineinzufühlen. Problematisch waren für mich eher die Nebenfiguren, die sich taktlos verhalten: Sybilles Chef oder Lars Eltern. Ich wollte auf keinen Fall, dass man in ihnen Mitschuldige an dem Suizid sieht, weil es ja gerade darum gehen sollte, dass die Schuldfrage per se falsch ist. Ich bin sicher: Wären die etwas übergriffigen Eltern nicht die von Lars, sondern die der toten Sybille, man hätte sofort gemutmaßt, dass genau dort die Ursache für Sybilles Depressionen zu finden ist. Das wollte ich vermeiden. Auf der anderen Seite sind solche unsensiblen Reaktionen nun mal allgegenwärtig und sollten daher auch Teil der Geschichte sein.“

Der Film erzählt von Trauer und Abschiednehmen, zeigt aber auch, dass es diese Familie schafft, weiterzuleben und auch wieder zu lachen. Wie wichtig ist Ihnen diese Aussage?
„Es heißt ja immer: Die Zeit heilt alle Wunden. Das stimmt nicht. Das glauben nur die, die unverwundet sind. Wunden wie diese hinterlassen Narben für immer. Aber man lernt, mit ihnen zu leben. Und man kann sich sein Leben zurückerobern, intensiver als je zuvor. Das ist ein langer Prozess.“

Haben Sie das Gefühl, dass Themen wie Depression und Suizid noch immer tabuisiert werden?
„Diese Themen sind in den letzten Jahren zwar enttabuisiert worden, was die Betroffenen selbst betrifft. Doch um die Angehörigen kümmert sich eigentlich niemand. Und nicht nur das: Zu den Vorwürfen, die sich die Hinterbliebenen selbst machen, kommen noch die sehr subtilen Schuldzuweisungen ihrer Umwelt obendrauf. Amerikanische Psychologen haben untersucht, wie Suizid-Angehörige von Außenstehenden eingeschätzt werden. Dazu erstellten sie ein Tonband, auf dem eine Frau über den Tod ihres Mannes spricht. Die Aufnahme wurde kopiert, der Text blieb identisch bis auf die Todesursache. In einer Version war der Mann angeblich an einem Autounfall gestorben und in der anderen hieß es, er habe sich umgebracht. Diese Aufnahmen wurden zwei Gruppen von Studenten vorgespielt, welche anschließend die Trauernde beschreiben sollten. Fazit: Die Studenten der zweiten Gruppe schätzten die Frau weit negativer ein als die der ersten. Sie beschrieben die Frau als psychisch labiler, unsympathischer, beschämter und am Tod des Mannes schuldiger.“

Warum ist das so?
„Ganz einfach: Man braucht eine Erklärung. Wir sind alle Gefangene des Kausalitätsprinzips. Irgendjemand muss doch Schuld sein. Als Angehöriger spürt man das. Es verunsichert. Zeigt man sich introvertiert oder trauernd, denken andere, man sei selbst depressiv und irgendwie ‚gestört‘. Ist man dagegen stark oder gar lebenslustig, dann wird oft unterstellt, man überspiele oder verdränge. Man kann also nichts mehr richtig machen. Alles wird, wie in dem beschriebenen psychologischen Experiment, im Hinblick auf den Suizid interpretiert.“

Was kann oder soll ein Film wie „Der letzte schöne Tag“ bei den Zuschauern bewirken?
„Alle 45 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Alle fünf Minuten versucht es einer. Vielleicht sensibilisiert der Film für die Konsequenzen. Denn immer bleibt eine Familie zurück, Freunde und Arbeitskollegen. Vielleicht tröstet der Film den ein oder anderen Betroffenen, der sich verstanden und gewürdigt fühlt, wenn er sieht, dass er nicht allein ist. Vielleicht ermöglicht der Film das offene Gespräch darüber. Das könnte ein Anfang sein.“

Wie ist es Ihnen selbst ergangen, als Sie den Film zum ersten Mal gesehen haben?
„Ich habe ihn mir extra in nüchterner Stimmung an einem sonnigen Mittag auf meinem alten PC angesehen, aber es half nichts: Ich musste trotzdem weinen. Wotan Wilke Möhring, der ja als Typ ein sehr männlicher Mann ist, spielt diese existenzielle Krise so atemberaubend glaubhaft, dass man sich dem gar nicht entziehen kann. Genauso intensiv spielen Mathilda Merkel und Nick Julius Schuck als seine Kinder. Ihre Gesichter vergisst man nicht. Das geht wirklich ans Herz. Johannes Fabrick, der Regisseur, hat Großartiges geleistet und bis in die kleinsten Nebenrollen den Ton genau getroffen. Und das war schwer: Er hat jeglichem Kitsch genauso widerstanden wie der Versuchung, sich innerlich zu distanzieren oder auszuweichen. Auch die erzählerische Gratwanderung, die in den Rückblenden liegt, hat er wunderbar und ganz organisch umgesetzt. Die Kamera von Helmut Pirnat ist weder aufdringlich nah, noch distanziert oder kühl beobachtend. Die Ausstattung von Thilo Mengler hat das Zuhause der Familie so authentisch und ‚ungestylt‘ kreiert, dass man das Gefühl hat, die Familie tatsächlich zu kennen.“

DER LETZTE SCHÖNE TAG erscheint am 19. April 2013 bei Edel: Motion auf DVD; Laufzeit: ca. 90 Min.; Sprache: Deutsch; FSK: ab 12 Jahren freigegeben. Extra: Booklet mit Interviews der Darsteller und Macher.

 

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