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DAS WOCHENENDE

DAS WOCHENENDE

Nach der gleichnamigen Romanvorlage von Bernhard Schlink entstand ein Film um die Wucht, mit der Verletzungen aus der Vergangenheit uns in der Gegenwart einholen und unser weiteres Leben entscheidend prägen können. Regisseurin und Drehbuchautorin Nina Grosse erzählt mit absoluter Starbesetzung von Freundschaft, Verrat und Aufbruch einer Generation, die sich an ihren Lebensentwürfen messen muss. Im Mittelpunkt steht die packende Geschichte um ein aus der Haft entlassenes ehemaliges RAF-Mitglied – ab 11. April im Kino. 


Ingas (Katja Riemann) geordnetes Leben gerät ins Wanken, als ihre Freundin Tina Kessler (Barbara Auer) sie zu einem Treffen mit Freunden in ihr Landhaus einlädt. Der Anlass könnte für Inga nicht schockierender sein: Ihre Jugendliebe, das ehemalige RAF-Mitglied Jens Kessler (Sebastian Koch) wird überraschend nach 18 Jahren Haft entlassen. Inga will zunächst absagen, doch auf Drängen ihres Mannes Ulrich (Tobias Moretti) nimmt sie die Einladung an. Sie verspürt wenig Lust, den Vater ihres gemeinsamen Sohnes Gregor (Robert Gwisdek) wieder zu sehen.

Im Landhaus angekommen, treffen Inga und Ulrich auch auf Henner (Sylvester Groth), einen Gesinnungsgenossen aus alten Zeiten. Er ist euphorisch, die Freunde wieder zu sehen. Henner, inzwischen ein erfolgreicher Autor, hat zuletzt mit einem Buch über die RAF für Aufsehen gesorgt. Er freut sich über ein Kompliment von Ulrich über sein Werk, wird von Jens allerdings entschieden in seine Schranken gewiesen. Unausgesprochene Vorwürfe lasten schwer über der Tischrunde.

Jens konfrontiert die alten Freunde mit der Frage nach seinem Verräter. Einer der Drei muss damals sein Versteck an die Polizei weiter gegeben haben. Eine Frage, die den RAF-Häftling in den vergangenen Jahren unerbittlich quälte. In der aufflammenden Diskussion wird klar, dass Jens an der Vergangenheit und den damaligen Motiven festhält, während sich die alten Freunde im Laufe der Zeit komfortabel im Leben eingerichtet haben.

Was als Willkommenswochenende gedacht war, gerät zu einer Reise in die Vergangenheit. Inga ist hin- und her gerissen in ihren Gefühlen zu Jens. Am nächsten Tag taucht überraschend Doro (Elisa Schlott), die gemeinsame Tochter von Inga und Ulrich auf. Die Chance, den großen Unbekannten zu treffen, möchte sich Doro nicht entgehen lassen.

Alte und neue Überzeugungen und Lebensentwürfe prallen ungebremst aufeinander. Die Situation eskaliert, als Gregor unerwartet auftaucht – auch er hat mit seinem Vater Jens eine offene Rechnung…

Nina Grosse ist es gelungen, mit Katja Riemann („Die Relativitätstheorie der Liebe„), Sebastian Koch („Das Leben der Anderen“), Tobias Moretti („Jud Süß“), Barbara Auer („Effi Briest“), Sylvester Groth („Whisky mit Wodka“), Robert Gwisdek („3 Zimmer / Küche / Bad“) und Elisa Schlott („Fliegende Fische müssen ins Meer“) einige der besten Schauspieler Deutschlands vor der Kamera zu versammeln. „Das Wochenende“ entstand nach Motiven des gleichnamigen Romans von Bernhard Schlink.

Interview mit Nina Grosse
Was hat sie an Bernhard Schlinks Roman „Das Wochenende“ gereizt?
„Ich erkannte die Möglichkeit, aus dieser spannenden Vorlage einen Film über meine Generation zu destillieren. Eine Generation, die in der revolutionären Aufbruchsstimmung der 60er Jahre sozialisiert wurde, und die sich mittlerweile vielleicht etwas zu bequem in ihrem Leben eingerichtet hat. Wie bekommt man diesen ungeheuren Spagat hin von einer geplanten Revolution zum satten Leben eines Kulturschaffenden der heutigen deutschen Republik? Aber auch, was ist denn aus unseren Lebensentwürfen geworden? Wie leben wir? Wie lieben wir?“

In Bernhard Schlinks Roman geht es um die Aufarbeitung des deutschen RAF-Traumas, aber es geht vor allem um die Frage der Schuld, die der Ex-Terrorist auf sich geladen hat. Was ist das Thema Ihres Filmes?
„‚Das Wochenende‘ ist kein Film über die RAF. Es geht um das Hier und Heute, um eine Konfrontation von Lebensentwürfen. Die RAF ist ja mittlerweile auch eine Marke geworden. Sie ist der Code für die in unserem Breitengrad überkommene Bereitschaft, sein Leben für eine Überzeugung zu opfern. Deswegen sagt Henner auch einmal ironisch zu Jens: ‚Du hast es geschafft! Du bist Pop!‘. Die RAF steht für also für einen Lebensentwurf, der sich messen muss mit anderen Lebensentwürfen. Ist Jens gescheitert? Und wenn ja, war es das trotzdem wert? Aber auch die anderen müssen sich fragen, was ist eigentlich aus ihren Entwürfen, aus ihren Träumen geworden? Gleichzeitig ist es – ähnlich wie bei Schlink – ein Film über Schuld. Die Rückkehr eines Schuldigen wirft Fragen auf. Die nach der Schuld des Täters, aber eben auch die Frage nach der ‚Schuld‘ der anderen, die in Lebenslügen, Verdrängungen oder aufgegeben Idealen besteht. Schon beim Lesen des Romans habe ich die Figur Jens als Katalysator begriffen: Dieser Mann kommt aus dem Gefängnis und mit seiner bloßen Anwesenheit zwingt er die anderen, sich in ihrer Lebensmitte der Frage zu stellen: ‚Was wollte ich mal und wo bin ich jetzt?‘. Jede Figur hat nachvollziehbare Gründe, dort zu stehen, wo sie heute steht. Übrigens auch Jens. Und trotzdem stellt dieses Wochenende alle vor die Herausforderung, das eigene Lebensarrangement noch einmal zu hinterfragen.“

Im Gegensatz zu Schlinks Figur „Jens“, der vom Krebs und absehbaren Tod gezeichnet ist, erzählen Sie einen kerngesunden und unbeugsamen Charakter. Warum diese neue Interpretation?
„Im Gegensatz zum Roman, der mit anderen erzählerischen Mitteln arbeitet, wollte ich im Zentrum des Films eine Figur haben, die zwar angegriffen und auch geschwächt, aber im Kern scheinbar ungebrochen ist. Für die Konflikte, die ich erzählen wollte, war das essentiell. Jens hat für seine Taten mit einer langen Haftstrafe gesühnt. Er weiß, dass er seine Ziele mit seinem Kampf nicht erreicht hat, aber die Ziele selbst hält er immer noch für richtig. Es ist etwas Starres und Unbeugsames in ihm. Ich wollte diese Position keinesfalls bewerten, aber doch zeigen, dass es sie gibt. Und dass sich angesichts des kollabierenden Kapitalismus für diesen Standpunkt auch Argumente finden lassen.“

Die andere, wesentliche Änderung, die Sie zum Buch unternommen haben, ist die Figur der Inga…
„Bei Schlink hat die Figur Inga das Leben ja nicht ausgehalten, sie hat sich umgebracht. Ich habe mich gefragt: Was, wenn sie das nicht getan hätte? Wenn sie weiterleben müsste? Dann wäre ihr Lebenslauf der größte Spagat: Sie war die Geliebte eines Terroristen, hat dessen Kind erzogen, sich dann aber für eine bürgerliche Ehe entschieden und dafür  ihre Vorgeschichte abgespalten. Als Jens wieder in ihrem Leben auftaucht, ist sie gezwungen, ihre radikale Vergangenheit in ihre saturierte Gegenwart irgendwie zu integrieren.“

In Ihrem Film steht diese Inga, gespielt von Katja Riemann, zwischen zwei starken Männern: Der eine hat Geld, der andere eine Waffe in der Tasche. Wenn Sebastian Koch und Tobias Moretti ihre Wortgefechte auskämpfen, ist das immer auch ein Duell um Inga…
„Beide Männer sind Profis, beide stehen vehement für ihre Überzeugungen ein. Darin sind sie sich unübersehbar ähnlich. Mir war das Gleichgewicht zwischen Moretti und Koch sehr wichtig, sie sind großartige, sehr präsente Schauspieler. Ihr Duell zwingt Inga, ihren indifferenten Standpunkt zu verlassen. Sie sagt ja einmal: ‚Mir ist immer einfach alles passiert, ich habe mich nie wirklich entschieden.‘ Katja Riemann spielt ganz wunderbar diese Frau, die ihr scheinbar sicheres Terrain verlässt und sich auf schwankenden Boden begibt, um heraus zu finden, was sie wirklich will.“

Als ihr gemeinsamer Sohn Gregor, gespielt von Robert Gwisdek, plötzlich in dem Landhaus auftaucht, bringt er ja nicht nur Ingas Lebensarrangement ins Wanken. Ist „Das Wochenende“ für Sie im Kern ein Familiendrama?
„‚Das Wochenende‘ ist vielleicht am besten als eine ‚politische Familienaufstellung‘ beschrieben. Beides ist wichtig: die Aufarbeitung der verdrängten politischen Vergangenheit und die des schwelenden Familienkonfliktes. Beides bedingt ja einander. So ist es auch zu verstehen, warum Doro, Ingas Tochter mit Ulrich, ihren Halbbruder Gregor anruft, obwohl sie genau weiß, dass es zu einer Katastrophe führen wird. Aber instinktiv ahnt sie, dass Gregor, der ungeliebte Sohn, an diesem Wochenende dabei sein muss. Denn wenn die Wunden heilen sollen, muss Gregor den Platz bekommen, der ihm bisher verwehrt war.“

Sie haben mit Katja Riemann, Barbara Auer, Sebastian Koch, Tobias Moretti und Sylvester Groth eine Starbesetzung für Ihren Film gefunden. Was aber auffällt: Das Ensemble ist durchweg etwas jünger als die historische, sogenannte RAF-Generation. Warum?
„Wir wollten Menschen in ihrer Lebensmitte zeigen. Sie sollten in einer biographischen Situation über sich nachdenken können, in der die früher getroffenen Entscheidungen den eigenen Alltag bestimmen, aber noch nicht völlig determinieren. Dazu mussten die Figuren eher um die fünfzig als um die sechzig sein. Und wenn Jens ein Terrorist der dritten Generation war, stimmt es auch historisch.“

Ist „Das Wochenende“ ist ein sehr deutscher Film?
„Das Thema RAF, das Trauma RAF ist sicher sehr deutsch. Aber wie gesagt, mir ging es mehr um die Frage, was wollten wir, was wurden wir. Und die Frage ‚Bin ich mir treu geblieben?‘ ist universell. Die stellt man sich immer wieder, überall auf der Welt.“

Kinostart: 11. April 2013; Regie: Nina Grosse; FSK: ab 12 Jahren; Länge: 96 Min.; Verleih: Universum/Square One; Link: daswochenende-film.de





Kommentare anzeigen (4)

4 Comments

  1. Daniela Eberhardt

    10. April 2013 in 14:38

    Das Wochenende – ein Film den ich anschauen werde.

    Und das Buch lesen, um die „wesentliche Änderung“ an der Figur Inga zu verstehen…..

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