Familienleben

Schulstart: Von der Kita zur Schule

Schulstart: Von der Kita zur Schule

Der Wechsel vom Kindergarten in die Schule ist ein bedeutsamer Schritt. In erster Linie für die zukünftigen Erstklässler, deren Gefühle oftmals zwischen Freude und kleineren oder auch größeren Ängsten wechseln. Aber auch Eltern müssen sich ungewohnten Herausforderungen und einer neuen Rolle stellen. Wie Kinder, Eltern, Kita und Schule gemeinsam den Übergang in die Grundschule gut schaffen können.

Welche Stellschrauben für einen gelungenen Übergang entscheidend sind, aber auch welche positiven Aspekte dieser Wechsel hat, das erklären die beiden Psychologen Renate Niesel und Wilfried Griebel vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München in einem Experteninterview von Perspektive: Bildung zum Schulstart:

„Jetzt beginnt der Ernst des Lebens!“ Dieser Satz beschreibt, wie abrupt der Wechsel vom Kindergarten in die Schule lange Zeit war. Ist das heute anders? Kinder schauen nur auf das, was unmittelbar vor ihnen liegt und freuen sich darauf, ein Schulkind zu werden, erklären die beiden Psychologen. Aber der gefühlte Ernst des Lebens ist bei den Eltern noch immer sehr präsent. Denn sie denken weit über das erste Schuljahr hinaus an die gesamte Schullaufbahn.

Wilfried Griebel: „Selbst wenn an vielen Stellen daran gearbeitet wird, diesen Übergang voraussehbar zu machen und den Stress, der dabei entstehen kann, zu verringern, ist dieser Satz und das, was dahinter steckt, tief in der Vorstellung von allen verankert, die mit Schulen zu tun haben. Denn der Übergang zur Schule ist ein qualitativer Sprung. Das hängt auch mit unserem Grundgesetz zusammen, in dem verankert ist, dass die Bildung des Kindes ab dem schulpflichtigen Alter dem Staat obliegt. Das ist ein wichtiger Statuswechsel bei den Eltern: Vorher sind sie für alles verantwortlich, jetzt sind sie nur noch mitverantwortlich. Wenn einem ein Stück Kontrolle aus der Hand genommen wird, dann ist das zunächst einmal mit einer starken Beunruhigung verbunden, weil man ja nicht weiß, wer das ist, der nun diese Kontrolle mitbesitzt und ob man zu ihm Vertrauen aufbauen kann.“ 

Nicht nur an die Kinder, auch an die Eltern stellt dieser Übergang große Anforderungen. „Eltern werden auch bis heute noch in erster Linie als Unterstützer ihrer Kinder gesehen. Aber auch die Eltern selbst müssen in die Schule kommen. Deswegen gehört es zu dem Wichtigsten für Schulen, vertrauensbildende Maßnahmen bei den Eltern aufzubauen. Sie brauchen die Eltern, die zusammen mit dem Kind den Übergang schaffen müssen.“

Was passiert eigentlich bei diesem Übergang und warum ist er so wichtig?
Renate Niesel: „Aus der internationalen Forschung wissen wir, dass der Übergang mehr ist, als die Stifthaltung zu beherrschen oder still sitzen zu können. Wir wollten aber genauer wissen, was diesen Übergang ausmacht und haben schließlich ein Modell erarbeitet, das inzwischen in der Fachliteratur verankert ist: Übergänge stellen auf drei Ebenen ihre Anforderungen, die bewältigt werden müssen.

Erstens auf der persönlichen Ebene. Wobei ganz wichtig ist, dass die Person, die den Übergang bewältigt, auch einen Identitätswandel vollzieht: Ich bin ein Schulkind oder ich fühle, dass ich ein Schulkind bin. Das ist mit anderen Leistungserwartungen verbunden und es sind andere Rollenerwartungen da.“

Wilfried Griebel: „Dazu kommt zweitens die Beziehungsebene: Jeder Übergang – egal in welchem Lebensabschnitt – ist immer mit Abschieden verbunden: Hier werden die anderen Kinder im Kindergarten zurückgelassen, die vertraute Umgebung wird verlassen, die Erzieherinnen werden zurückgelassen. Jetzt gibt es die vielen neuen Kinder in der Schule und die sind älter. Dazu kommt die zentrale Beziehung zur Lehrkraft, der man ganz viel Vertrauen entgegenbringt, von der man ganz viel erwartet und deren Aufmerksamkeit ganz wichtig ist.“

Renate Niesel: „Und man darf drittens nicht unterschätzen, was immer zu kurz gesehen wird: Das ist das Zusammenbringen zweier Lebenswelten: Schule und Familie.“

Wilfried Griebel: „Das tägliche Pendeln zwischen Familie und Schule, zwischen zwei völlig unterschiedlich gearteten Umgebungen ist eine große Herausforderung. Denn diese beiden Lebenswelten laufen nach anderen Spielregeln und sie sind mit anderen Personen verbunden. Dazu kommt: Die Schule bestimmt den Tages- Wochen- und Jahresablauf der Familie ganz maßgeblich.“

Das heißt, auf die Familie und insbesondere auf die Eltern kommen ebenfalls große Herausforderungen zu?
Renate Niesel: „Wir haben 2002 die Studie ‚Abschied vom Kindergarten – Start in die Schule‘ durchgeführt. Ein Ergebnis dieser Studie war, dass tatsächlich die Betroffenheit der Eltern eine bis dahin sehr unterschätzte gewesen ist. Eltern werden auch bis heute noch in erster Linie als Unterstützer ihrer Kinder gesehen. Das sind sie auch nach wie vor. Aber auch Eltern selbst müssen in die Schule kommen. Das heißt: An Eltern von Schulkindern werden andere Anforderungen gestellt als an Eltern von Kindergartenkindern. Das Vertrackte: Diese Anforderungen werden gar nicht so konkret formuliert. Und für Eltern, die mit dem deutschen Schulsystem nicht so passgenau übereinstimmen wie die deutsche bildungsorientierte Mittelstandsfamilie, kann das sehr schwierig sein. Denn Eltern müssen einen Identitätswandel vollziehen. Sie müssen sich der Schule zugehörig fühlen, damit sie die Bildungslaufbahn ihres Kindes auch angemessen unterstützen können. Dies gerät jetzt erst in den Fokus. Wenn Eltern aber das Gefühl haben, das ist nicht wichtig, dann hat es eine fatale Wirkung auf die Kinder.“

Wilfried Griebel: „Die Eltern werden manchmal auch instrumentalisiert. Es wird übersehen, was die Eltern selbst erleben in diesem Zusammenhang. In unserer laufenden Untersuchung ‚Auch Eltern kommen in die Schule‘ haben wir mehr als 700 Eltern interviewt und sie gefragt, wie es ihnen selbst bei diesem Übergang geht. Jetzt wollen wir sehen – wir sind noch in der Auswertung -, welche Kooperationen bei den Eltern am besten ankommen, welche am wichtigsten sind. Dazu sollte man sagen: Immerhin ein Drittel unserer Kinder in Deutschland hat einen sprachlichen Minoritätenstatus, das heißt, die Kinder kommen aus einer Familie, die nicht die Schulsprache Deutsch zu Hause spricht. Wir wissen, dass diese Gruppe, was den Schulerfolg angeht, eine Risikogruppe ist. Deswegen haben wir proportional den Anteil von türkisch- und russischsprachigen Eltern in unserer Stichprobe erhöht, weil wir von ihnen noch etwas genauer wissen wollten, was bei ihnen gut ankommt.“

Welche Rolle spielen die anderen Akteure: Erzieherinnen, Lehrkräfte?
Renate Niesel: „Der Austausch auf Augenhöhe zwischen diesen Akteuren ist auf dem Weg. Lehrerinnen, die in Kitas kommen, sind oft erstaunt, was sich dort an komplexen Lernprozessen vollzieht und mit welcher Didaktik Erzieherinnen arbeiten. Umgekehrt ist es genauso wichtig, dass Erzieherinnen lernen, wie Grundschullehrerinnen arbeiten.“

Wilfried Griebel: „Von der Schule wird mittlerweile vielfach anerkannt, dass in Kitas pädagogische Arbeit geleistet wird. Das hängt auch mit den Bildungsplänen für die Kitas zusammen, die von vielen Lehrkräften als so etwas wie Lehrpläne angesehen werden. Und die Erzieherinnen fühlen sich durch diese Bildungspläne aufgewertet. Das hat sicher dazu beigetragen, dass Erzieherinnen und Lehrkräfte offener geworden sind, was die pädagogische Arbeit und den Austausch darüber angeht.

Nach allem, was wir wissen, ist dort, wo die Zusammenarbeit enger geworden ist, die einhellige Meinung: Die Investition an Zeit und Energie zahlt sich aus. Die Lehrerinnen kennen die Kinder besser, die in die Schule kommen, sie können ihren Unterricht besser darauf einstellen und er gelingt auch besser. Die Lernerfolge der Kinder – das wissen wir aus Untersuchungen aus USA, Australien und Finnland – zeigen das. Je mehr Aktivitäten Kita und Schule zur Zusammenarbeit unternehmen und je mehr sie das einzelne Kind, und das, was es mitbringt, dabei in den Blick nehmen – desto besser gelingt das Ankommen in der Schule. Untermauert wird dies durch die Lernerfolge.“

Es gibt also den idealen Übergang – wie sieht er aus?
Wilfried Griebel: „Das Kriterium für einen gelungenen Übergang ist Wohlbefinden. Das heißt, wenn das Kind sich in der Schule wohlfühlt, dann lernt es. Ein Kind, das gelangweilt ist, lernt nicht und ein Kind, das Angst hat, lernt auch nicht gut. Im Übrigen ist das auch ein Klima, das die Lehrkraft dazu bringt, entspannt und aufmerksam und eine viel bessere Lehrkraft zu sein, als wenn sie es mit ängstlichen oder gelangweilten Kindern zu tun hat. Dazu gehören außerdem ganz viel geistige Anregung, Disziplin und Aufmerksamkeit.“

Renate Niesel: „Man hat jahrelang versucht, den Übergang so gleitend wie möglich zu machen und hat gemerkt, das klappt nicht. Man kann diese Diskontinuität – damit meine ich nicht Brüche – nicht rausmogeln. Wenn man zum Beispiel Schule ein bisschen wie Kindergarten macht, dann sind die Kinder enttäuscht. Das Positive, was in dieser Diskontinuität steckt, ist der Impuls zur Entwicklung. Und tatsächlich sagen viele Eltern: ‚Ich war so erstaunt. Mein Kind hat auf einmal einen solchen Sprung gemacht!‘ Dieser Entwicklungsimpuls sollte mehr in den Fokus geraten, damit man diesen Übergang selbst als Lernsituation begreift, in der Kinder und Eltern viel lernen. Und mit Lernen wächst man. Übergänge, die gewünscht sind und gut begleitet werden, sind ganz tolle Lernsituationen.“

Mehr zum Thema Übergänge im Standardwerk von Renate Niesel und Wilfried Griebel:
„Übergänge verstehen und begleiten – Transitionen in der Bildungslaufbahn von Kindern“, erschienen bei Cornelsen Verlag Scriptor, ISBN 978-3-589-24684-7,  19,95 Euro.
Das Buch berücksichtigt gleichermaßen die Interessen von Kindern, Eltern und Erzieherinnen bei den verschiedenen Übergängen der Kinder in die Krippe, in die Kindertageseinrichtung, in die Grundschule und in die weiterführende Schule.

Perspektive: Bildung ist ein Projekt von bildungsklick.de in Kooperation mit Cornelsen
Foto: bikl.de

Kommentare anzeigen (1)

1 Kommentar

  1. Franz Josef Neffe

    4. August 2012 in 12:44

    Statt auf die internationale Forschung sollten wir erst mal lernen, die Augen aufzumachen und die eigene Realität wahrzunehmen.
    Hansi freute sich, endlich in die Schule zu kommen. Jetzt würde er endlich wirklich richtig lernen können. Im Kindergarten hatte es immer Arbeitsblätter zum Ausmalen gegeben. Endlich lernen!
    Und was gab es in der Schule hauptsächlich zu tun?
    Arbeitsblätter ausmalen!
    Hansi stöhnte: „Schon wieder!“
    Unsere Schulen sind Einfügungs- und Unterwerfungs- und Mitmache-Anstalten aber keine Schulen.
    Ganz offensichtlich weiß in unseren Schulen kein Mensch was eine Schule ist. Sonst würden sie doch nicht ständig das genau Gegenteil dessen machen, was Schule bedeutet.
    Genau das ist offensichtlich auch der Grund dafür, dass der Übergang für allzu viele gleich zum Untergang wird.
    In der neuen Ich-kann-Schule wäre Wohlbefinden zu wenig. Schule ist dann geglückt, wenn das, was sie bietet, das Kind ZIEHT. SOG ist das Grundprinzip der Ich-kann-Schule. Sog ist die Wachstumskraft, die Aufrichtekraft, die Steuerungskraft.
    Es ist nicht Aufgabe der Schule, die Kinder einzufangen, einzusperren und jeden Tag in vorbereitete Schablonen zu drücken. Gerade das tut sie aber und gerade damit verschleißt sie sich selbst.
    Es geht nicht um die passende Schablone, es geht darum, den originalen Umgang mit dem Leben und seinen Kräften zu lernen, und da haben die Pädagogen mindestens genauso viel Lernbedarf wie die Kinder. Das Modell perfektionierter Papier-Pädagogik hat sich wie die Pädagogen erschöpft; sie haben sich in der Krankheitsstatistik ganz an die Spitze hochgearbeitet, das Ende der Fahnenstange ist für viele erreicht.
    Lernen & Lehren sind nur zwei Seiten einer Medaille. Es wird Zeit, dass Lehrer auch Lerner werden und die Lerner auch ihre Lehrer sein lassen. Dann bekommen Themen wie Übergang eine ganz neue Qualität.
    Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe

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