Familienleben

Schüler definieren Tugenden

Schüler definieren Tugenden

Jugendliche wünschen sich konsequente und verständnisvolle Lehrer. Obwohl die Tugend Ehrlichkeit aus dem Sprachgebrauch der Pädagogik verschwunden ist, wird sie von Schülern weiterhin hochgehalten. Außer durch bloße Pflichterfüllung geschieht dies jedoch auch auf einer „Hinterbühne“.

 
 
Spicken, Unterschriften fälschen oder Lehrern nicht die volle Wahrheit sagen, halten Schüler in manchen Situationen für gerechtfertigt. Das zeigt die Soziologin Emanuela Chiapparini von der Uni Zürich im Buch „Ehrliche Unehrlichkeit“, das soeben bei Budrich erschienen ist. Die Autorin hat 16 Züricher Jugendliche im Alter von 14 bis 15 ausführlich interviewt. „Schüler wollen grundsätzlich ehrlich sein, doch manchmal sind Ausnahmen erlaubt“, berichtet Chiapparini.

Aufopfern für die Klasse
Obwohl die Tugend Ehrlichkeit aus dem Sprachgebrauch der Pädagogik verschwunden ist, wird sie von Schülern weiterhin hochgehalten. Außer durch bloße Pflichterfüllung geschieht dies jedoch auch auf einer „Hinterbühne“, erklärt die Forscherin. „Jugendliche verweigern moralische Normen nicht, verarbeiten aber ihren von Schulregeln geprägten Alltag produktiv nach pragmatischen und sozialen Kriterien: Sie wägen drohende Strafen oder eigene Erfahrungen ab und bilden selbst Ehrlichkeitsregeln, die oft unkonventionell sind.“

So kommt es etwa vor, dass sich ein unbeteiligter Schüler auf die Anfrage eines Lehrers als Täter meldet, um die Klasse vor einer Kollektivstrafe zu bewahren. Dieses getäuschte Verhalten bringt ihm zum Beispiel einen Nachmittag Nachsitzen ein, zugleich jedoch auch Aufmerksamkeit und Anerkennung bei Mitschülern. Ähnliches gilt, wenn ein Lehrer den Abgabetermin für die Hausaufgabe vergessen hat. „Der Klassenzusammenhalt ist dann meist stark, um gemeinsam den Lehrer zu überzeugen, dass der Kontrolltermin nicht heute war.“

Konsequenz und offenes Ohr erwartet
Schüler fordern vom Lehrer, dass sie Kontrolle ausüben, zeigt Chiapparinis Analyse. „Das Einziehen und die Korrektur der Hausaufgaben wird als Wertschätzung und Anerkennung einer meist mit Widerwillen erledigten Arbeit gesehen. Fehlt dies, sind Jugendliche oft sogar entsetzt – ebenso, wenn Lehrer während Tests essen oder andere Arbeiten korrigieren, statt das selbstständige Arbeiten zu überprüfen.“ Der Lehrer verspielt damit seine Bedeutung als Orientierungspunkt – und Schüler sehen gewitztes Schummeln als legitim.

Neben der Konsequenz für Regeln erwarten Schüler jedoch auch ein offenes Ohr, Verständnis und Verhandlungsbereitschaft, wenn etwas daneben geht. Das gilt auch für die Eltern, wobei sich hier die Strategien teils sehr unterscheiden: In sozial belasteten Familien hören Schüler, die schlechte Noten nach Hause bringen, dem mitunter lautstarken Ausrasten der Eltern bloß zu oder fälschen die Unterschrift. Sozial besser Gestellte setzen eher auf kommunikative Taktik, um etwa einen „einmaligen Ausrutscher“ darzustellen. „Was alle eint, ist die Furcht vor Freiheitsentzug und Sanktionen“, sagt die Züricher Jugendforscherin.

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