Familienleben

Neue Methoden im Fremdsprachenunterricht und die Qual der richtigen Wahl

Neue Methoden im Fremdsprachenunterricht und die Qual der richtigen Wahl

Jahr für Jahr stehen Tausende von Schülern und Eltern vor der Frage: Welche Fremdsprache solls denn sein? Schließlich gelten Fremdsprachen als Schlüssel zum beruflichen Erfolg und die Vielfalt des Sprachangebots in den weiterführenden Schülern wächst.

„Ich bin nicht gut in Naturwissenschaften und ich spreche lieber eine lebendige Sprache, als Latein zu lernen.“ Für Niclas war die Entscheidung für Französisch als zweite Fremdsprache sonnenklar. Jetzt steht der Siebtklässler in der Frankfurter Jahrhunderthalle stolz neben seinen Mitschülern. Unter mehr als 100 Einreichungen ist ihr Lied „Mes amis“ mit dem zweiten Platz beim Wettbewerb FrancoMusiques ausgezeichnet worden.

„Avant un live es-tu nerveuse?“, hat Niclas gerade die französische Sängerin ZAZ gefragt. Die Sieger des Wettbewerbs durften ein Konzert des berühmten Popstars besuchen und sich zuvor mit ihr unterhalten. Französisch zu sprechen macht dem Siebtklässler keine Probleme, obwohl er erst im zweiten Lernjahr ist. Und Französisch, davon ist er überzeugt, bleibt für ihn die richtige Wahl.

Markt der Fremdsprachen
Jahr für Jahr stehen Tausende von Schülern und Eltern vor der Frage: Welche Fremdsprache solls denn sein? Schließlich gelten Fremdsprachen als Schlüssel zum beruflichen Erfolg und die Vielfalt des Sprachangebots in den weiterführenden Schülern wächst. Zwar bleibt Englisch als Lingua franca unangetastet auf Platz eins und Französisch und Latein belegen noch immer die Plätze zwei und drei bei der Sprachenwahl, aber sie haben Konkurrenz bekommen. Spanisch, Russisch, Italienisch oder Chinesisch buhlen um die Gunst der Schüler.

Ein paar Zahlen: Im Schuljahr 2010/2011 lernten rund 1,6 Millionen Schüler Französisch, 800.000 Latein und 400.000 Spanisch. Zum Vergleich: Fünf Jahre zuvor standen 1,7 Millionen Französischlerner und 770.000 Lateinlerner nur 276.000 Spanischlernern gegenüber. Im Schuljahr 2010/11 paukten außerdem rund 62.000 Schüler Italienisch und 84.000 Russisch. Noch abgeschlagen, aber im Aufwind: Chinesisch. Gut 230 Schulen bieten Chinesisch als Fremdsprache im Unterricht oder in einer Arbeitsgemeinschaft für rund 5.800 Schülerinnen und Schüler an.

Auf diesem „Markt der Fremdsprachen“ setzt sich jeder für „seine“ Sprache ein. „Wir versuchen schon, die Wahl positiv zu beeinflussen, indem wir Lehrern Material zum Tag der offenen Tür an die Hand geben“, erklärt Julia Goltz, Redaktionsleiterin Französisch beim Cornelsen Verlag. Auch für Eltern hält sie eine Broschüre bereit. Die ist in Kooperation mit der französischen Botschaft und dem deutsch-französischen Jugendwerk entstanden. Zum Inhalt gehören unter anderem Informationen über die beruflichen Chancen im Nachbarland.

Fremdsprachenlernen ist eine Art Trockenschwimmen
Etliche Wettbewerbe – neben FrancoMusiques etwa auch der Comic-Wettbewerb Francomics oder der Internet-Teamwettbewerb zum Deutsch-Französischen Tag – sollen außerdem Abwechslung und Motivation in den Sprachunterricht bringen. Doch Projekte und Wettbewerbe sind nur eine Möglichkeit, um den Fremdsprachenunterricht spannender zu machen und neue Schüler für die Sprache zu begeistern. Den Alltag bestimmen sie nicht. Da muss es dann zwangsläufig auch um Grammatik, Vokabeln, um Tests und schließlich um die Noten gehen.

Fremdsprachenlernen in der Schule ist nach wie vor eine Art Trockenschwimmen. Besser wäre, die Schüler wären tatsächlich im Wasser – also in dem Land, dessen Sprache sie lernen. Doch das ist utopisch. Wie lässt sich also möglichst viel Sprachrealität ins Klassenzimmer holen und wie können die Schüler auch dauerhaft zum Lernen motiviert werden?

Singen, spielen und sprechen
„Ganz wichtig ist der veränderte Anfangsunterricht,“ erklärt Niclas´ Französischlehrerin, Katja Dreher. „Bei dieser Klasse habe ich anfangs gar nicht mit dem Buch gearbeitet, wir saßen ganz häufig im Stuhlkreis, haben viel gesungen und gespielt. Die Kinder haben kleine Dialoge zunächst einfach nur nachgesprochen und überhaupt nichts geschrieben. Viele Schüler hatten rasch eine sehr gute Aussprache, sie waren sehr motiviert und hatten auch nicht die sonst übliche Frustration mit dem ungewohnten Schriftbild. Danach haben sie dann gemerkt, dass auch das Lesen und Schreiben gar nicht so schwierig ist.“

Didaktiker plädieren längst dafür, dass Lehrer sich stärker zurücknehmen und die Schüler sprechen lassen. Das hat sich schon in veränderten Prüfungsbedingungen niedergeschlagen, berichtet Dr. Yvonne Petter-Zimmer, Cornelsen-Verlagsleiterin Fremdsprachen in der Schule. „Früher stand das Schriftliche bei den Abiturprüfungen im Vordergrund. In vielen Bundesländern wird es in Zukunft auch ein mündliches Abitur bei den Fremdsprachen geben und natürlich müssen die Lehrwerke und der Unterricht darauf vorbereiten.“

Und dann sagt sie den entscheidenden Satz: „Man lernt eine Sprache, um sie sprechen zu können.“

Doch lange Zeit kamen Schüler im Fremdsprachenunterricht kaum zu Wort. Wer erinnert sich nicht noch an lähmende Schulstunden mit langen Lehrermonologen oder stumpfem Grammatikpauken? Eine Folge: die hohe Abwahlquote der zweiten Fremdsprache nach Klasse 11. Die ist übrigens noch immer bedenklich – denn neue Unterrichtskonzepte haben erst langsam Auswirkungen auf das Wahlverhalten der Schüler. Dazu kommen die dichten Lehrpläne beim achtjährigen Gymnasium. Die Gefahr: Schüler, die etwas mehr Zeit brauchen, bleiben auf der Strecke und verlieren rasch die Freude an der Sprache.

Schüler können sofort in die fremde Sprache eintauchen
Julia Goltz will, dass diese Freude beim Fremdsprachenlernen Bestand hat. „Zum Beispiel durch die neuen Methoden, für die wir in den Büchern Hinweise geben. Dabei stehen die Schüler im Mittelpunkt. Sie sollen miteinander ins Gespräch kommen, sie reden in semi-authentischen Situationen, als wären sie Franzosen. Sie simulieren also authentische, alltägliche Kommunikationssituationen,“ erklärt die Schulbuchredakteurin.

Auch die mediale Vielfalt kommt den neuen Unterrichtskonzepten sehr zugute. „Es war noch nie so einfach, direkt in der Klasse mit Frankreich Kontakt zu bekommen, etwa über das Internet,“ erklärt Yvonne Petter-Zimmer. „Im medialen Zeitalter gesellen sich viele weitere Möglichkeiten hinzu – in jede einzelne Lektion unseres neuen Lehrwerks etwa sind Videosequenzen miteinbezogen. Die Schüler können sofort in die fremde Sprache eintauchen.“

Spät – nämlich erst in der achten Klasse – sind Miriam und ihre Mitschülerinnen vom Mädchengymnasium St. Agnes in Stuttgart in die französische Sprache eingetaucht.  Auch sie gehören zu Siegern des Wettbewerbs FrancoMusiques. Bei der Wahl der zweiten Fremdsprache hatten sich die Schülerinnen noch für Latein entschieden. Doch mittlerweile sind die Zehntklässlerinnen vom Französischunterricht begeistert „Es ist nicht das trockene Übersetzen wie im Lateinunterricht. Das selber Reden macht Spaß und motiviert,“ bringt Miriam es auf den Punkt. Das bestätigt auch ihr Französischlehrer Bertrand Weiss: „Die dritte Fremdsprache ist tatsächlich etwas anderes. Die Schülerinnen gehen durch das Lateinlernen analytischer an die neue Sprache heran und lernen die Strukturen schneller. Andererseits ist das Sprechen zunächst ungewohnt. Hier muss man also viele authentische Sprachanlässe schaffen.“

Jan Pospiech hat gerade sein Referendariat beendet. Der junge Französischlehrer kann sich noch gut an seine eigene Schulzeit erinnern. Er habe Glück gehabt mit seiner Französischlehrerin, meint er. Sie hätte auch aktuelle französische Musik oder aktuelle französische Filme im Unterricht behandelt. „Es sind immer diese außergewöhnlichen Dinge an die man sich erinnert,“ rückt er dann aber zurecht. Sie hätten schon viel mit Texten gearbeitet, leider weniger mit authentischen, aktuellen Texten aus dem Alltag. Darauf legt er jetzt in seinem Unterricht großen Wert. „Damit die Schüler auch zurechtzukommen, wenn sie in Frankreich vor Ort sind, weil sie dann die richtigen Werkzeuge an der Hand haben.“ Das richtige Werkzeug haben seine Schüler offensichtlich bereits, immerhin räumten die Elftklässler der Sophie-Scholl-Schule aus Berlin beim Chanson-Wettbewerb den ersten Platz ab.

Französischunterricht auch in Haupt- und Berufsschulen
Doch auch wenn mittlerweile viel Wert auf das Sprechen gelegt wird, wenn Projekte, Wettbewerbe, Austausch oder Klassenfahrten den Unterricht ergänzen: Das Fremdsprachenlernen in der Schule bleibt mit Mühen verbunden. Gerade bei der französischen Sprache hält sich außerdem hartnäckig das Vorurteil, sie sei besonders schwierig. Das sieht Robert Valentin von der französischen Botschaft anders. „Französisch ist nicht so schwer, wie man es der Sprache nachsagt. Ich glaube eher, dass Französischlehrer in Deutschland hohe Ansprüche haben. Diese Qualität setzt bei den Schülern viel Engagement und Arbeit voraus, möglicherweise mit der Folge, dass es manche Schüler abschreckt.“ Das möchte er verhindern, schließlich haben sich die beiden Länder in der deutsch-französischen Kooperation verpflichtet, die Sprache des Partners zu fördern. „Wir können beweisen, dass jeder Schüler französisch lernen und auch etwas damit anfangen kann. Deswegen sollte man die Sprache nicht nur in den Gymnasien und Realschulen sondern auch in den Hauptschulen und den Berufsschulen anbieten, damit jeder Schüler, der möchte, sie auch lernen kann.“

Klicken Sie, um einen Kommentar hinzuzufügen.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Mehr in Familienleben

holzspielzeug

Spielzeug aus Holz: der Klassiker im Kinderzimmer

Hans Wankl23. Mai 2018
young-791849_1280

Arbeiten von zu Hause aus: Homeoffice, Familie und Beruf

Hans Wankl10. März 2018
little kid boy with school satchel, first day to school

Der Schultasche die nötige Aufmerksamkeit widmen

Hans Wankl28. Oktober 2017
house-2565105_1280

Die Familienküche – ein Ort, an dem die Generationen zusammenkommen

Hans Wankl20. August 2017
Sweet little girl

Tipps für eine ruhige Nacht im Kinderzimmer

Hans Wankl30. Juli 2017
festival-2456145_1280

Warum eine Kinder-Unfallversicherung so wichtig ist

Hans Wankl23. Juli 2017
wordpress

Home Sweet Home(-page): Eine eigene Webseite für die Familie

Hans Wankl7. Juli 2017
dog-1328585_1280

Tiere und Familien: Gesundheitstipps für das Zusammenleben

Hans Wankl6. Mai 2017
easter-eggs-2168521_1280

Ostergeschenke – kreativ und persönlich

Hans Wankl6. April 2017
vacuum-cleaner-1605068_1280

Effektives Staubsaugen – so sparen Sie Energie und Zeit

Hans Wankl29. März 2017