Familienleben

Hilfe, ich wohne immer noch bei Mama!

Hilfe, ich wohne immer noch bei Mama!

Mit 20 noch bei den Eltern zu wohnen, ist doch nichts Ungewöhnliches. Oder doch? Wenn aus dem Freundeskreis alle plötzlich das Nest verlassen, gerät man doch ins Grübeln.


Neulich war ich mit zwei Freundinnen zum Kaffee verabredet. Nachdem wir uns ausführlich über den neuesten Klatsch ausgetauscht hatten, kündigte die eine der beiden an, sie werde nun wohl bald bei ihrem neuen Freund einziehen. Als draußen vor dem Café ein Polizist auf Knöllchen-Mission vorbeiging, wurde die andere ganz nervös. Sie hatte den Wagen ihrer Eltern im Parkverbot abgestellt – nach ewig langer Suche mitten in der Stadt. Aber wenn man schon mal Papas Auto ergattert hat, muss man das auch ausnutzen. Seit sie zu Hause ausgezogen ist, muss nämlich jedes Mal wieder verhandelt werden, wer wann warum das Auto bekommt.
Irgendwo zwischen Latte Macchiato und Croque Monsieur wurde mir bewusst, dass ich wohl als Letzte im Hotel Mama übrig geblieben bin. Habe ich den Check-Out-Termin verpasst?

Eigentlich habe ich bisher nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, auszuziehen. Mal ehrlich – eine Wohnung im Stadtzentrum, 10 Minuten zur Uni (und in die nächste Shoppingmeile), das Auto in der Garage und immer eine selbst gekochte Mahlzeit auf dem Tisch. Ich wäre schön blöd, all das gegen eine mickrige Studentenbude einzutauschen, solange ich nicht muss. Miete zahle ich natürlich auch nicht.

Der Begriff „Hotel Mama“ trifft auf mich trotz allem nicht wirklich zu. Ich lasse mir das Essen nicht vor den Fernseher tragen und habe auch kein Problem damit, mal die Badewanne zu schrubben. Bequemlichkeit scheidet also als Grund aus. Warum aber bin ich denn dann noch nicht aus dem Nest geflogen?

Bei meinen Freundinnen ergab sich dieser Schritt scheinbar immer von selbst. Die eine zog zum Studieren in eine andere Stadt, bei der anderen beschlossen die Eltern, in eine kleinere Wohnung zu ziehen – ohne Kinderzimmer. Ich befinde mich in der glücklichen Lage, zwei jüngere Geschwister zu haben, was bedeutet, dass wir vorerst sowieso in der großen Wohnung bleiben.

Mit meinem Freund bin ich zwar seit einigen Jahren zusammen, aber zusammenziehen müssen wir deswegen noch nicht. Es ist ja nicht so, dass ich ihn nicht zu mir nach Hause einladen könnte, wann immer ich will.

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, so ganz allein zu wohnen. Manchmal wäre das natürlich ganz schön. Gerade heute bin ich wieder mal durch den Lärm meines Bruders viel zu früh aus meinen Träumen geweckt worden.
Ich könnte kochen worauf ich gerade Lust habe, laut singend durch die Wohnung laufen und nach Lust und Laune Partys schmeißen.

Aber eigentlich wäre es auch ganz schön ruhig, so ganz alleine. Zwar verbringe ich die meiste Zeit allein in meinem Zimmer. Mir gefällt aber der Gedanke, dass ich jederzeit durch die Wohnung flanieren und dabei immer jemanden antreffen kann. Wenn ich mit dem Lernen nicht weiterkomme oder die Langeweile mich quält, findet sich immer jemand zum Quatschen.

Als eine Freundin mir vor Kurzem von ihrem Wochenende erzählte, musste ich schmunzeln. Ihre Mitbewohner waren ausgeflogen und sie begann, sich vor jedem Rascheln zu fürchten. Es wurde so schlimm, dass sie sich am nächsten Tag zu ihren Eltern flüchtete.
Das war so ein Persil-Moment für mich: da weiß man, was man hat.

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