Hilfe, meine Schwester könnte meine Tochter sein!

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Wir haben dieselbe Mutter, aber verschiedene Väter: Ganze 15 Jahre liegen zwischen meiner kleinen Schwester und mir. Nicht nur unter uns beiden führt dieser Umstand häufiger zu Irritationen. Soll ich den netten Onkel spielen oder bin ich dazu verdammt, den strengen Ersatzvater zu mimen?

Bald ist es soweit – meine Schwester kommt in die erste Klasse. Ein Ereignis, auf das ich mich schon seit einiger Zeit freue. Eigentlich freue ich mich eher auf die Zeit nach der Einschulung. Endlich habe ich die Chance, meiner Schwester als ein Familienmitglied zu erscheinen. Ich werde ihr mit den Hausaufgaben helfen können und einige Fragen beantworten, die der Schulalltag so aufwirft. Dachte ich jedenfalls.

Denn meine Schwester distanziert sich lieber von ihrem viel zu alten Bruder, den sie ohnehin kaum zu Gesicht bekommt. Das spürte ich erstmals, als in der Vorschule ein sogenanntes „Familienlernen“ stattfand. Ich dachte mir natürlich gleich: „Super, da kann ich ja mal ein wenig Zeit mit ihr verbringen. Außerdem freut sie sich bestimmt, wenn ich auch mal dabei bin.“ Falsch gedacht! Da keiner ihrer Freunde so alte Geschwister hat, wäre ich ihr peinlich gewesen. Also konnte ich mir das abschmieren.

Ein Plan musste also her. Wie soll ich es bis zum Sommer schaffen, dass ich ihr nicht peinlich sondern hilfreich bin? Phase eins: Alle möglichen Spiele mit ihr spielen, natürlich auch ein paar mal „unglücklich“ verlieren. Phase zwei: Sich bei ihren Freunden beliebt machen. Das heißt, meine Schwester stolz auf mich machen. Wie sollte ich das bloß anstellen?

Ich habe versucht, den lässigen Bruder zu mimen, wenn ich der Clique meiner Schwester denn mal begegnete. Dabei kam ich aber wohl eher genervt rüber. Also versuchte ich es mit der freundlichen Variante. Zum Beispiel indem ich immer Capri-Sonne und Süßigkeiten anbot, wenn meine Schwester Besuch hatte. Doch das führte nur zu verwirrten Blicken und schließlich zu einem „Oh-Mann-du-nervst“. Ganz offensichtlich kann ich Phase zwei streichen. Naja, in dieser Sache werde ich wohl einfach abwarten müssen, bis ich dann tatsächlich mal gebraucht werde.

Eine andere Methode brachte schon mehr Erfolg. Ausflüge am Wochenende machten mich eine Zeit lang sehr beliebt bei meiner Schwester. Nur liegt das jetzt schon ungefähr ein Jahr zurück. Auch ich genoss die Stunden, in denen ich sie ein wenig kennenlernen und ihr die Welt ein wenig erklären konnte. Die Sache hatte allerdings zwei Haken.

Anfangs fand ich es ganz amüsant, mit der Zeit war ich jedoch die Fragen, ob die „kleine Süße“ denn meine Tochter sei, leid. Denn mir fiel auf, dass genau diese Fragen meine Schwester zum Grübeln und schließlich in Verlegenheit brachten. Das zweite Problem war, dass sie wirklich immer, wenn wir gerade erst eine halbe Stunde unterwegs waren, aufs Klo musste. Irgendwann wurde ich als Stadtführer abgelöst, auch weil ich immer weniger Zeit fand.

Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass ich meiner Schwester kein Freund sein kann. Doch ich habe mich in einer anderen Rolle wiedergefunden. Nun bin ich der böse Bruder, der immer und wegen allem schimpft. Ich werde von meiner Schwester jedenfalls so dargestellt. Es ist allerdings auch etwas Wahres dran. Meine Mutter und ich haben uns wortlos geeinigt. Da meine Schwester mich nicht besonders oft zu Gesicht bekommt, übernehme ich meistens das Zurechtweisen, sodass der Frieden zwischen den beiden mehr oder weniger gewahrt wird.

Eigentlich sollte auch die Meinung meiner Schwester zu dem großen Altersunterschied hier erscheinen, doch mehr als „Ja, das ist nicht so söön“ bekam ich nicht. Erstaunlich fand ich, dass sie sich noch daran erinnerte, wie sie mir sagte, ich sei ihr peinlich. Sie fügte nämlich hinzu, dass sie sich nicht wiederholen wolle. Aus Rücksicht auf meine Gefühle – rede ich mir ein.

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