Familienleben

Hilfe, ein Fremder in meiner Wohnung!

Hilfe, ein Fremder in meiner Wohnung!

My home is my castle! Nach dieser Devise lebte ich eigentlich immer glücklich und zufrieden. Zu Hause kann ich ich sein – auch wenns mal etwas legerer ausfällt. Meine Familie ist daran gewöhnt, auch wenns ihnen vielleicht nicht immer gefällt. Hat man Gäste, dann reißt man sich schon am Riemen – und wahrt die Form. Hat man durch die Freunde der Kinder ständig Gäste – dann hab ich ein Problem!

Ungeschminkt und urbequem gekleidet ist es für mich zu Hause am schönsten. Und gegen einen Pyjama-Tag ist meiner Meinung nach auch nichts einzuwenden. Der Paketbote hat sich an meinen blauen Bademantel gewöhnt und ich muss ihm nicht mehr vorspielen, dass ich krank sei. Schließlich arbeite ich oft bis in die Puppen. Wenn ich ständig wie aus dem Ei gepellt in der Wohnung herumliefe, käme ich mir vor wie das Model aus einer Wohnzeitschrift – abgesehen von Größe, Aussehen und Alter.

Hat man Übernachtungsgäste, sind dies meist gute Freunde oder die liebe Verwandschaft – da ist es dann auch nicht weiter schlimm, ihnen im Pyjama zu begegnen – wenn man nicht gerade ein aufreizendes Negligé trägt.

Ist der Übernachtungsgast allerdings der Freund der Tochter, dann stellt sich das Ganze in etwas anderem Licht dar. Schließlich wünscht man sich den gebührenden Respekt vom Gegenüber und möchte den Jüngling auch nicht mit wirrem Haarschopf und Schlabberlook verschrecken. Lässt sich ja alles einrichten – solange man unterrichtet wird.

Allerdings neigen meine Kinder gern dazu, diese für meine Schamgrenze überlebenswichtigen Informationen nicht zu übermitteln. Die für beide Seiten peinlichen Situationen, die dabei entstehen können, schränken mich zumindest in meiner Bewegungsfreiheit extrem ein.

So habe ich als glückliche Besitzerin von zwei Balkons im Sommer immer alle Hände voll zu tun, meine zahlreichen Pflanzen zu bewässern. Ein Ort, sich das kühle Nass zu beschaffen, ist das Bad. Als wir unsere Wohnung bezogen, waren unsere Kinder noch klein – und deshalb haben wir sicherheitshalber alle Schlüssel aus den Türen entfernt (wo wir sie hingelegt haben, weiß niemand mehr). Dumm, ist aber so. Nichts von irgendwelchen Besuchen ahnend, schnaufte ich also eines Tages geradewegs ins Bad – und traf den Freund meiner Tochter auf dem Klo beim Geschäft an.

Von nun an bin ich also ein Schlüssellochgucker, der zunächst die Lage in gebückter Haltung auf der Suche nach einer Lichtquelle peilt. So habe ich übrigens auch schon ganze Tage wartend vor dem Bad meiner Kinder verbracht, weil jemand vergessen hatte, das Licht auszuschalten.

Mein Balkon, Szene zwei: Durch meine Pflanzen vor den unliebsamen Blicken der Nachbarn geschützt, erlaube ich mir an sehr warmen sonnigen Tagen das wohlverdiente Feierabend-Sonnenbad – oben ohne, versteht sich. Womit ich nun wirklich nicht rechnen konnte, war ein höflicher Freund meiner Tochter, der mich begrüßen wollte und dafür auf den Balkon trat. Da frage ich mich doch, ob meine Kinder – die mich und meine Gebaren ja kennen – mich nicht manches Mal in diese peinlichen Situationen bringen „wollen“.

Den heimischen Supergau erlebte ich allerdings eines Morgens, als ich – mich allein in der Wohnung wähnend, da alle in die Schule oder zur Arbeit gegangen waren – nach dem Duschen splitterfasernackt in die Küche huschte, um mir schnell ein paar Notizen zu machen. Mir kommen die besten Ideen eben unter der Dusche. Auf dem Weg zurück ins Bad öffnete sich die Tür und herein spazierte mein Sohn mit einem Freund – Freistunden!

Nun sonne ich mich eben immer in voller Montur, egal wie warm es ist, und Zettel und Stift sind im Bad deponiert.

Von feucht-fröhlichen Abenden sollte ich zukünftig auch absehen, nachdem ich – zuhause angelangt – ein kleines Schnarchkonzert auf dem Sofa dem permanent geknufft werden im ehelichen Bett vorzog, und so vom „noch ein bisschen Fernsehen gucken“ wollenden Freund meiner Tochter entlarvt wurde.

Spätestens, wenn ich mich vorsichtig durch „meine“ Wohnung bewege und relativ eindeutige Laute höchster Wollust vernehme, stelle ich mir die entscheidenden drei Fragen:
– Habe ich Halluzinationen?
– Artikuliere ich meine Gedanken mittlerweile laut – und mit einigem schauspielerischen Talent?
– Ist das jetzt das letzte Quäntchen, das bei mir zum zumindest räumlichen Abnabelungsprozess führt?

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