Hilfe, meine Freundin ist Deutsche!

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Es begann im Winter 2007. Wir waren uns näher gekommen, ließen uns nun offiziell als Paar bezeichnen. Ich mit meinen 16 Jahren war natürlich überglücklich – vielleicht auch ein wenig stolz. Denn meine Freundin ist nicht irgendeine. Sie ist Deutsche! In meinen Augen der endgültige Beweis dafür, dass ich nun so richtig eingedeutscht war. Bier und Schweinefleisch waren ohnehin schon abgehakt. Doch dann kam meine türkische Verwandschaft.


Man kennt das ja: Sobald man in der Pubertät ist, wird man – vor allem von Eltern und Verwandten -  ständig gefragt, ob man denn nun eine Freundin hätte. Nachdem ich mich gefühlte hundertmal um eine Antwort gedrückt hatte, konnte ich nun endlich mit vor Stolz geschwellter Brust “Ja” sagen -  ich hatte ja keine Ahnung, was darauf folgte. Ich verstehe es durchaus, wenn man auf diese positive Äußerung hin von den Eltern – in meinem Fall von meiner Mutter – mit Fragen gelöchert wird,  bis man wie ein Schweizer Käse dasteht. Sie wollen ja schließlich wissen, mit wem sie es zu tun kriegen. Auch ein paar Fragen von sonstigen Verwandten sind in Ordnung.

Bei den Türken läuft das aber ganz anders ab. Denn plötzlich sind Großeltern, Onkel Ali und Tanten, die man sonst nicht oft zu Gesicht bekommt, die besten Freunde, die alles bis ins kleinste Detail wissen wollen. “Was macht sie?”, fragt der Onkel. Die Frage war leicht zu beantworten, denn wir gingen damals in dieselbe Klasse. “Ist sie nett?” – “Leute, klar ist sie nett!” Was soll ich denn anderes sagen? Etwa “Nein, ich kann sie echt nicht ausstehen, aber wir sind jetzt einfach mal zusammen”? “Wie alt ist sie?” Nach einer halben Stunde ähnlich überflüssigen Wortgeplänkels kamen dann die “Türken-Fragen” an die Reihe: Zunächst wird die Nationalität geklärt – und zwar ganz subtil, man hat ja schließlich einen Vollidioten vor sich: “Wie heißt denn deine Freundin?” Ach, wie clever! Auf meine Antwort hin und selbstverständlich überhaupt nicht so geplant: “Hmm… das ist aber keine Türkin, oder?” Diese Frage klang nicht wie ein Vorwurf, aber einen besorgten Unterton konnten meine Verwandten anscheinend nicht vermeiden. Bis eben noch im Glauben, dass ich für meine Integration gelobt würde, stand ich da nun.

Nach einer mit schier unendlich vorkommenden Schweigeminute folgte Phase zwei, die Einzelgespräche, die das Niveau meiner Enttäuschung auf ein mir bis dorthin unbekanntes Maximum trieben: “Na gut, die Deutsche hältst du vielleicht eine Zeit lang, aber irgendwann wird dir klar, dass du eine Türkin brauchst. Mit so einer kommst du besser klar… glaub mir!” Dazu muss ich kurz anmerken, dass ein Türke von seinen Verwandten stets für einen unfreundlichen und verantwortungslosen Macho gehalten wird. Alles klar. Sie waren also nicht so begeistert.

Im Nachhinein verstehe ich allerdings die Logik hinter diesem Satz. Natürlich ist es schwierig, eine langfristige Beziehung zu einer Deutschen zu halten, wenn man schon an der Kommunikation scheitert. Glücklicherweise muss ich mich mit diesem Problem nicht rumschlagen. Durch meinen Vater, der einen sehr großen Wert auf meine Eingliederung legte, hatte ich ohnehin fast nur deutsche Freunde. Auch zu Hause wurde damals mehr Deutsch als Türkisch gesprochen.

Jedenfalls hatte sich für mich das Thema und die Hoffnung auf ein normales Gespräch erledigt: Nie wieder würde ich mit einem Türken über meine deutsche Freundin sprechen. Bis ich dann im Herbst 2009 zusammen mit ihr in die Türkei flog.

Eigentlich hatte ich vor, allein zu reisen. Denn das Ziel des Urlaubstrips war ein Besuch bei meinen Verwandten in Istanbul. Dazu gehören meine beiden Onkel, meine Tante, meine Großeltern und damals auch noch meine Urgroßmutter. Doch irgendwie schaffte es meine Mutter, mich davon zu überzeugen, meine Freundin mitzunehmen. Im Wissen, dass es meiner Urgroßmutter schlecht ging, sagte sie: “Ach komm, meine Familie ist nicht so, außerdem würde sich meine Oma sehr freuen, auch dich einmal in einer Partnerschaft zu sehen”. Ich war bis zu dem Zeitpunkt der einzige Urenkel. Sie hatte mich am Haken.

Also flogen wir letztendlich zusammen. Meine Freundin war erstaunlicherweise sehr begeistert und voller Vorfreude, ich eher voller Sorge, dass uns ein eher mittelmäßiger Empfang erwartete. Doch alles kam anders – die Türken in der Türkei sind anders. Vor allem jene in Istanbul sind nicht mit unseren “Migrantenkindern” zu vergleichen. Viel weltoffener und lockerer sind sie. Schließlich leben sie nicht, wie die Deutsch-Türken, in der Vergangenheit. Dass meine Freundin nicht türkisch ist, war überhaupt kein Thema. Am besten gefiel mir der Kommentar meiner Urgroßmutter. Sie merkte immer, wenn etwas nicht stimmte oder sich jemand nicht wohlfühlte und sagte deshalb: “Mein Kind, lass dir von keinem irgendetwas erzählen. Ich verstehe deine Verlobte (das ließ ich einfach mal so unkommentiert stehen) nicht, aber sie wirkt sehr vernünftig und nett. Außerdem liebt ihr euch doch, stimmts?” – “Ja” sagte ich und musste ein wenig lachen. Ich hatte noch nie über so etwas mit ihr gesprochen. “Na dann, kauf sie dir!” Ich sollte den Begriff “kaufen” an dieser Stelle erklären: Meine Uroma war leider schon etwas debil und hatte wohl vergessen, dass man für seine Braut nichts an ihren Vater abdrücken muss, wie es früher in der Türkei der Fall war. Was sie also sagen wollte war, dass ich die Beziehung weiterführen und dabei auf niemanden hören sollte. Das war auch unser letztes Gespräch…

Nun sind wir bereits im Jahr 2012. Auch hier in Deutschland hat sich einiges geändert. Meine Freundin und ich besuchen meine Verwandten hierzulande ab und zu gemeinsam. Früher hieß es immer, ich solle mich mit Deutschen umgeben, immer schön deutsch rüberkommen. Doch wenn es um die Partnerin ging, sollte ich zusehen, dass irgendwann einmal eine Türkin heirate. Nun heißt es “Ach, lass lieber die Finger von den Türkinnen, die haben sie nicht mehr alle”. Ob das stimmt, wage ich zu bezweifeln. Wichtig ist: Endlich haben auch sie verstanden, dass ich es überhaupt nicht schätze, wenn man nach seiner Nationalität beurteilt wird. Ich denke, da meine Freundin und ich nun seit vier Jahren zusammen sind und weiterhin alle Herausforderungen gemeinsam meistern, erkennen nun auch sie, was sie von der Beziehung zu halten haben.

Eine Person habe ich ganz vergessen: Meine Mutter. An ihr sollten sich alle türkischen und vielleicht auch deutschen Eltern ein Beispiel nehmen. Ihre einzigen Fragen waren “Sie ist doch hoffentlich vernünftiger als du, oder?” und “Wann will sie mal vorbeikommen?”. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die beiden über mich lästern, wenn ich nicht dabei bin.

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