Mehr Kinder von der Mathematik begeistern

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Jedes sechste Kind in Deutschland verfügt am Ende der Grundschulzeit lediglich über elementare mathematische Fertigkeiten und vier Prozent der Kinder erreichen nicht einmal dieses Leistungsniveau. Sechs Prozent der Schüler hingegen befinden sich auf der höchsten Kompetenzstufe und die Mehrheit, nämlich 75 Prozent, bewegt sich im Mittelfeld. So das Ergebnis der internationalen Schulleistungsstudie TIMSS von 2007. Wie Lehrer es schaffen, auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler einzugehen:

 

Eigentlich ist es überflüssig zu fragen, vor welchen Problemen die Mathelehrer der weiterführenden Schulen stehen, wenn die Fünftklässler nach der Grundschule zu ihnen kommen. 

“Perspektive: Bildung” hat es dennoch getan und zunächst sogar eine positive Antwort bekommen. “So ein Neuanfang ist ja nicht nur ein Problem, sondern auch eine gute Chance etwas zu machen”, erklärt Prof. Dr. Susanne Prediger von der TU Dortmund, sie schränkt aber gleich auch ein: “Eine große Schwierigkeit für Lehrer ist, dass ganz vielen Kindern gar nicht klar ist, wozu sie diese Mathematik überhaupt lernen sollen.”

Genau das belegen auch Untersuchungen und Studien, die Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführt haben. Bei der sogenannten Kapitänsfrage wurden Kinder mit offensichtlich unsinnigen Fragestellungen konfrontiert, wie zum Beispiel “Auf einem Schiff befinden sich 26 Schafe und 10 Ziegen. Wie alt ist der Kapitän?” Das Ergebnis: Der größte Teil der Kinder begann tatsächlich, zu rechnen. Die Schüler nutzten, weil sie es so gewohnt waren, die in diesen Rechnungen vorhandenen Zahlen. Sie addierten, multiplizierten oder subtrahierten sie. “Man kann letztlich davon ausgehen, dass viele Kinder deshalb dazu neigen, sämtliche Aufgaben zu berechnen – so irrelevant die angegebenen Daten auch sind -, da sie im Laufe ihrer schulischen Sozialisation gelernt haben, dass im Mathematikunterricht jede Aufgabe eine bestimmte Lösung hat – egal wie komisch die Aufgabe auch klingen mag. Sie verhalten sich also ‘erwartungskonform’ und wissen durchaus, dass eine solche Kapitänsaufgabe eigentlich nicht lösbar ist. Aber irgendwas muss man ja rechnen”, schreibt dazu der Dortmunder Mathematiker Prof. Dr. Christoph Selter, der gemeinsam mit Susanne Prediger das Verbundprojekt “Mathe sicher können” der Universitäten Dortmund, Berlin, Freiburg und Münster leitet. Dort werden Unterrichtskonzepte und Unterrichtsmethoden für leistungsschwächere Schüler in den Klassen 3 bis 8 entwickelt.

Schüler werden zu Konstrukteuren
Die bisherige Schul-Mathematik war offensichtlich oftmals zu weit entfernt von der Lebenswelt der Kinder. Deshalb will Susanne Prediger auch Alltagsthemen in den Unterricht bringen. Überspitzt gesagt: Statt der Frage nach dem Alter des Kapitäns zu stellen, wird zum Beispiel danach gefragt, wie sich eine Verpackung konstruieren lässt. Die Kinder werden zu Verpackungsdesignern, beginnen über Formen nachzudenken, Formen zu untersuchen und schließlich Formen zu entwickeln. “Und das machen die Kinder gern”, weiß die Cornelsen-Herausgeberin.

Allein mit dem Alltagsbezug lässt sich aber die Heterogenität einer Klasse nicht unter einen Hut‘ bringen. “Die Unterschiede gerade in der fünften Klasse sind riesig,” bestätigt die Wissenschaftlerin, “selbst wenn man innerhalb einer Schulform ist. Es ist für die Lehrer eine Riesenherausforderung, auf die ganz verschiedenen Bedürfnisse der einzelnen Schüler einzugehen.”

Was Susanne Prediger aus Sicht der Wissenschaftlerin erklärt, können die Praktiker aus dem Schulalltag nur bestätigen. “Wer kennt das nicht? Unsere Fünftklässler kommen von der Grundschule und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen und Vorwissen im Fach Mathematik mit”, berichtet Bernd Ohmann vom Willy-Brandt-Gymnasium in Oer-Erkenschwick. Das bestätigt auch seine Kollegin Kirsten Laubenstein von der Realschule Kettwig in Essen: “Es gibt große Unterschiede beim mathematischen Vorwissen, bei der Rechenfertigkeit und beim Verständnis von Textaufgaben. Versucht man auf frontale Weise diese Unterschiede anzugleichen, so spaltet sich die Klasse üblicherweise in zwei Gruppen: 1. ‘Das kann ich doch schon! Langweilig!’ 2. ‘Das hatten wir nur ganz kurz oder noch gar nicht!’ ‘Erklären Sie mal!’ Damit ist der Lehrer schnell überfordert.”

Doch wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Welche Chance gibt es, dass die 25 oder 30 Kinder einer fünften Klasse am Ende des Schuljahres einen besseren Zugang zur Mathematik haben, dass die Leistungsdifferenzen nicht wachsen, dass sich nicht noch mehr Kinder von der Mathematik verabschieden und dass andererseits auch die “Mathefans” unter ihnen gefordert werden?

Mit der Selbstdiagnose die eigenen Stärken und Schwächen ermitteln
“Lehrer müssen differenziert arbeiten können. Gut geeignet sind Aufgabenstellungen, die sich auf unterschiedlichen Niveaus bearbeiten lassen, bei denen die einen Schüler an diesem und die anderen Schüler an dem anderen Problem arbeiten. Dazu sind inzwischen viele gute Ideen entwickelt worden”, sagt Susanne Prediger. Gemeinsam mit Kollegen hat sie Lehrwerksmaterialien entwickelt, die noch stärker den Leistungsstand des Einzelnen berücksichtigen. Dort finden die Schüler mit einem Diagnosetest ganz eigenständig heraus, wo ihre Schwierigkeiten liegen oder was sie schon gut können. “Jeder Schüler meiner Klasse konnte mit der Selbstdiagnose seine Stärken und Schwächen in dem Bereich der Grundrechenarten und im Verständnis von Textaufgaben ermitteln und erhielt sogleich Rückmeldung, in welchen Bereichen er noch nacharbeitend oder vertiefend arbeiten musste”, berichtet Bernd Ohmann. “So konnte ich mich um einzelne Schüler kümmern, sie unterstützen oder auch nur ihr Arbeitsverhalten beobachten. Durch die Gestaltung der Trainingsaufgaben hatten alle das Gefühl, dass sie Lernfortschritte machten, ohne dabei unter- oder überfordert zu sein. Faszinierend war für mich die Beobachtung, dass fast alle Schüler schon arbeiteten, wenn ich zu Beginn der Stunde die Klasse betrat.”

Schüler und Lehrer machen so ganz neue Erfahrungen und Lehrer schlüpfen in eine andere Rolle, bestätigt die Wissenschaftlerin. “Sie inszenieren nicht mehr so sehr den Gesamtunterricht, sondern unterstützen den Einzelnen dabei, seine Schwierigkeiten aufzuarbeiten. Diese Art von individualisiertem Unterricht ist außerdem deutlich leichter und weniger anstrengend, als immer alles im Klassengespräch zu machen.”

Kann man also Kinder mit den passenden Materialen und dem entsprechenden Unterrichtskonzept tatsächlich von der Mathematik begeistern? Ganz so hoch dürften wir unsere Ziele nicht stecken, relativiert Susanne Prediger. “Wenn wir alle davon überzeugen können, dass es nicht ganz unsinnig ist, was wir da machen, haben wir ja schon etwas gewonnen. Unsere Erfahrung ist: Wir können mehr Kinder begeistern, aber es wird auch weiterhin Kinder geben, die sich lieber mit Englisch oder Französisch beschäftigen.”

Gerechnet wird weiterhin – aber intelligent
Sicher sei, dass der Mathematikunterricht einen Wandel erlebt, so die Mathematikerin. “Wir haben früher geglaubt, es genügt, wenn Schüler einfach gut rechnen können. Viele haben gelernt zu rechnen und einige wenige haben gelernt, das, was sie gelernt haben, auch anzuwenden. Heute stellen wir einen anderen Anspruch. Wir stellen den Anspruch, dass die Schüler etwas lernen, was sie auch in ihrem Leben tatsächlich brauchen und das auch aktivieren können. Und wenn man das will, dann darf man nicht nur trocken rechnen. Dann muss es immer auch um Situationen gehen, in denen Alltagsprobleme gelöst werden. Und: Diese Probleme sind oft nicht so eindeutig. Früher war in Mathematikbüchern alles immer eindeutig. Aber so ist das Leben nicht – das Leben ist bunter und auf diese Buntheit müssen wir vorbereiten. Ja, es stimmt, die mathematische Bildung hat sich erheblich verändert. Wir verlangen von den Schülern heute deutlich intelligenteres Wissen und weniger sture Rechenroutinen als früher. Das heißt aber nicht, dass das Rechnen nicht auch wichtig ist. Gerechnet wird natürlich trotzdem – aber intelligent.”

Prof. Dr. Susanne Prediger ist Professorin für Mathematikdidaktik an der Uni Dortmund. Sie erforscht, wie Schülerinnen und Schüler Mathematik gut verstehen können. Dafür hat sie als Lehrerin an Gesamtschulen in Darmstadt und Bremen einiges von ihren Schülerinnen und Schülern gelernt. Ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht sie in Fachzeitschriften für Lehrkräfte und Wissenschaftler. Mit dem “mathewerkstatt”-Lehrwerkskonzept möchte sie ihre Ideen in die Schulen bringen.

Die “mathewerkstatt” ist eine Lehrwerksreihe für das 5. bis 10. Schuljahr an mittleren Schulformen. Es handelt sich um ein völlig neues Lehrwerkskonzept der Cornelsen-Herausgeber Bärbel Barzel, Stephan Hußmann, Timo Leuders und Susanne Prediger. Sie sind Professoren an der Pädagogischen Hochschule Freiburg beziehungsweise an der Technischen Universität Dortmund und dort jeweils in der Lehrerausbildung tätig. Die “mathewerkstatt” wurde bereits in der Praxis erprobt: 13 Schulen testeten das Lehrwerk, die Rückmeldungen flossen in die endgültige Fassung ein. Die “mathewerkstatt” greift sowohl bewährte Konzepte als auch aktuelle Forschungsergebnisse der Fachdidaktik auf und bezieht Erkenntnisse der Lehr-Lernforschung ein. Mit den Rechenbausteinen der “mathewerkstatt” ist bereits das erste Diagnose- und Fördermaterial dieser Lehrwerksreihe erschienen. Die Bausteine beantworten die Kernfragen aus der Sicht der Schülerinnen und Schüler: “Was kann ich bereits beim Rechnen und im Umgang mit Zahlen? Was muss ich noch üben?” Das Schulbuch mit seinen Begleitmaterialien erscheint im März 2012 und wird auf der didacta in Hannover vorgestellt.

Weitere Infos zur “mathewerkstatt” erhalten Sie hier

Über “Perspektive:Bildung”

Das Projekt “Perspektive:Bildung” will den öffentlichen Diskurs über Bildung in Deutschland fördern. Schule steht im Vordergrund dieses Forums. Perspektive: Bildung dokumentiert den Bildungsalltag ebenso wie aktuelle wissenschaftliche und bildungspolitische Diskussionen und Entwicklungen sowie herausragende Projekte und entwickelt Visionen vom Lernen in der Zukunft.
Perspektive: Bildung- Ein Projekt von bildungsklick.de in Kooperation mit Cornelsen

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