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Hilfe, meine Kinder sind vom Castingshow-Virus infiziert

05. Februar 2012 Von: Thomas Meins Kategorie: Familienleben, MedienFamilie

Ist denn gegen dieses Castingshow-Virus überhaupt kein Kraut gewachsen? Muss man als Vater hilflos mitansehen, wie die eigenen Kinder ihre Gesundheit ruinieren und ihre Zukunft gefährden? “DSDS” und die “Topmodels” sind die wahren Seuchen unserer Zeit.

In schöner Regelmäßigkeit werden meine Kinder von einer Art Fieber befallen. Es tritt etwa drei bis viermal im Jahr auf, geht auf Augen und Ohren, führt zu glühenden Wangen und stundenlangen Lähmungserscheinungen der Extremitäten.

Das Virus heißt Castingshow-Fieber. Ein Gegenmittel ist noch nicht auf dem Markt, die Symptome können offenbar nur mit Chips und Cola gemildert werden. Ich hatte gehofft, dass meine Kinder irgendwann immun gegen diese Krankheit sind – Pustekuchen. Die Seuche grassiert in der ganzen Republik und im eigenen Wohnzimmer. Sie bricht immer wieder aus, sobald “DSDS”, die “Topmodels” und die “Wir-suchen-ein-Talent-für-irgendwas”-Klone über den TV-Schirm flimmern.

Allmählich mache ich mir Sorgen um die Zukunft meiner Kinder. Kann man mit diesem Virus im Blut genügend Konzentration für die Schule aufbringen? Ich vermute ja, dass durch das Casting-Virus wenigstens zeitweise wichtige Gehirnregionen lahmgelegt werden. Wie soll man dermaßen gehandicapt das Abitur schaffen?

Schlimmer noch: Studien haben herausgefunden, dass Castingshows den Berufswunsch der infizierten, jugendlichen Zuschauer beeinflussen. Plötzlich wollen alle “Superstar” bei Dieter Bohlen oder “Topmodel” bei Heidi Klum werden. Nach dem Motto: Schulabschluss ist doch egal, ich gehe zum Casting bei Dieter und werde reich und berühmt. Turbo-Karriere statt Turbo-Abitur.

Mein Sohn glaubt zu wissen, wie das geht. Eine gute Stimme? Nicht so wichtig. “Ich erfinde einfach eine besonders tragische Familiengeschichte – Mutter todkrank, Vater hängt an der Flasche und prügelt – , dann komme ich mindestens in den Recall.” Immerhin har er so viel kapiert, dass er ahnt, dass es auf das Talent allein in diesen Shows nicht ankommt.

Und wenn ich sehe, wie glasig die Augen meiner Töchter werden, wenn sie Heidis Möchtegern-Models auf dem Catwalk bewundern, weiß ich, was sie im Sinn haben: eine Karriere als Supermodel.

Gegen dieses Gift wirken keine Argumente (“Von 20 000 Bewerbern schafft es doch nur einer und der ist auch schnell vergessen”) und auch nicht die Angst, sich vor der Jury und einem Millionenpublikum bis auf die Knochen zu blamieren. Wahrscheinlich heilt nur die Zeit diese Fieberträume. Vielleicht ist es irgendwann mit 18, 19 oder 20 nicht mehr so erstrebenswert, nach der Pfeife zickiger Jury-Diven zu tanzen.

Nach meiner Pfeife tanzen sie ja schließlich auch nicht gern. Leider, leider. Die Hoheit über die Fernbedienung am Mittwoch-, Donnerstag- und Samstagabend hätte ich nämlich gerne wieder zurück. Und wenn das nicht bald passiert, werde ich zum Bohlen.

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