Familienleben

Lesevermögen ist kein Hinweis auf IQ

Lesevermögen ist kein Hinweis auf IQ

Leseschwäche steht in keinem Zusammenhang mit der Intelligenz. Hirnforscher führen sie in den meisten Fällen auf eine Störung der Wahrnehmung und Blickfunktion zurück. Alle schlecht lesenden Kinder haben Probleme damit, den Klang von Sprache zu verarbeiten – egal wie intelligent sie sind.

„Das spezifische Verarbeitungsproblem im Gehirn dürfte somit gleich sein“, erklärt Studienautor John Gabrieli vom Massachusetts Institute of Technology.

Bei Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS) wird bisher nach Intelligenz unterschieden: Wer kognitiv normal oder sogar überdurchschnittlich hoch begabt ist und sich gut artikuliert, wird als „Legastheniker“ bezeichnet, wobei sich auch mögliche Förderungen danach richten. Diese Differenzierung stellen die Forscher in Frage. „Folgt man der Studie, so profitieren alle LRS-Betroffenen von derselben Therapie“, erklärt der Gehirnforscher Burkhart Fischer vom Freiburger Blicklabor.

Intelligenz macht keinen Unterschied
Die US-Forscher erhoben zunächst die Lesefähigkeit und Intelligenz von 131 Kindern aus allen Schulstufen. Auf dieser Basis bildeten die Forscher drei Gruppen – normale Leser mit normalem IQ, schlechte Leser mit normalem IQ sowie schlechte Leser mit schlechtem IQ. Dann durchliefen die Kinder im Magnetresonanz-Tomographen (fMRI) einen Reimwörter-Test, bei dem man sagen muss, ob zwei gesehene Wörter Reimwörter sind oder nicht. Kinder mit LRS bestehen den Test meist nicht.

Die Bildgebung zeigte, dass bei allen Kindern mit Leseproblemen – unabhängig von der Intelligenz – stets jene sechs Hirnregionen weniger aktiv sind, die das Gelesene mit der Akustik verknüpfen. Dieser Nachweis war bisher im Gehirn noch nie gelungen. Erst kürzlich hatte Gabrieli gezeigt, dass Kinder mit Leseschwäche Probleme mit der Sprachzuordnung haben (mehr dazu lesen Sie hier).

Sehen und Hören oft beteiligt
„Ein großer Teil der Legastheniker und LRS-Kinder haben Wahrnehmungs- und Blickfunktionsstörungen – was beides nichts mit Intelligenz zu tun hat“, betont Fischer, der das aktuelle Wissen zur Problematik jüngst im Buch „Wahrnehmungs- und Blickfunktionen bei Lernproblemen“ zusammengefasst hat. Augen und Ohren sollten bei Leseproblemen immer als erstes überprüft werden, wie auch die deutschen Augenärzte empfehlen.

Fördermaßnahmen richten sich nach den Ergebnissen einer vorangehenden Diagnose und können das Problem durchaus mindern. Grundlegende Fähigkeiten des Gehirns werden dabei geschult, deren Entwicklung bei LRS-Kindern meist verzögert ist. Oft wird die Leseschwäche jedoch übersehen – mit fatalen Folgen. „Viele landen in der Förderschule, obwohl sie an Intelligenz den Alterskollegen ebenbürtig sind. Schlimm ist das nicht nur für die Schulkarriere des Einzelnen, sondern für das ganze Leben“, so Fischer. Rund fünf Mio. Menschen sind allein in Deutschland von LRS betroffen.

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