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NICHTS ZU VERZOLLEN

NICHTS ZU VERZOLLEN

 

Und ausgerechnet die beiden werden in ein belgisch-französisches Pilotprojekt gesteckt und müssen als mobile Grenzkontrolle künftig gemeinsam Patrouille fahren – in einem hochbetagten R4, denn zu mehr reichte das Geld des Pilotprojekts „Kooperation“ nicht. Zu allem Übel macht sich eine Gruppe von Drogenschmugglern die Grenzöffnung zunutze und verschiebt die heiße Ware vor den Augen der beiden PS-schwachen Grenzbeamten.

Und bei ihren Versuchen, den Drogenring zu sprengen, ziehen sich die Kreise immer enger um das „No Man’s Land“.

Käsköppe, Piefkes, Sauerkraut-, Spaghetti-, Döner-, Fritten-, Froschfresser: Welches Land hat sie nicht, die wenig liebevoll gemeinten Namen für die Mitmenschen im angrenzenden Nachbarland? Sie alle stammen noch aus der Zeit, in der es europäische Binnengrenzkontrollen gab. Aber die Abschaffung derselben hat wohl kaum dazu geführt, dass sich jetzt alle Europäer nur noch lieb haben und die Vorzüge des jeweiligen Nachbarlandes preisen. Vorurteile sind so alt wie die Menschheit selbst, ebenso wie das Bedürfnis, Bestätigung und ein Gefühl der persönlichen Aufwertung daraus zu ziehen, dass man den Nachbarn kräftig durch den Kakao zieht – wenn er gerade nicht hinhört.

Aus dem Dialogbuch: „Kommt ein Franzose an die Grenze nach Belgien und fragt den belgischen Zöllner: ‚Würden Sie bitte einmal nachsehen, ob meine beiden Blinker vorne noch funktionieren?‘ ‚Mahch iieech doooch eenmaal, miet pläsier.‘ Der Franzose macht also die Warnblinkanlage an. Der Belgier tappelt um den Wagen rum und beugt sich vor, sehr konzentriert. Und dann sagt er: ‚Ja, funktionirrt.‘ ‚Ach nee, funktionirrt niech.‘ ‚Ja, funktionirrt, nee funktionirrt niech. Ja, funktionirrt.‘ ‚Nee, funktionirrt übberhaupt niech.'“

Aus dem Wissen um die menschliche Schwäche des Vorurteils schlägt Dany Boon in NICHTS ZU VERZOLLEN auf seine unnachahmliche Art komisches Kapital. Sein Ruben Vandevoorde ist ein furchterregender Typ, ein Scheusal, ein skrupelloser Verfolger all dessen, was ihm persönlich verdächtig erscheint. Und doch ist er zugleich eine durch und durch lächerliche Gestalt, die sich mit jedem fremdenfeindlichen Spruch bis auf die Knochen blamiert und sich in ihrem Geifern gegen alles Französische ständig Blößen gibt.

Auch wenn es hier vordergründig um einen für die Welt völlig belanglosen Konflikt in einem unbedeutenden französisch-belgischen Grenzort geht, gelingt es Dany Boon in NICHTS ZU VERZOLLEN – wie auch bereits im Vorgängerfilm „Willkommen bei den Sch’tis“ – ein universelles Thema anzuschneiden. Wir alle erkennen uns wieder in den Figuren dieses Films, weil wir die gleiche Schwäche teilen, egal ob wir Deutsche, Holländer, Franzosen, Österreicher, Italiener, Belgier oder welcher Nationalität auch immer sind. Wir erkennen uns und freuen uns darüber, herzhaft über uns lachen zu dürfen.

Die beginnenden 1990er Jahre sind zwar nicht das Jahr 50 v. Chr. und Courquain/Koorkin ist auch kein „von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf“, aber ein wenig erinnern dieser kleine Weltausschnitt aus NICHTS ZU VERZOLLEN und insbesondere die kleine Schar von Zollbeamten, die sich gegen das Unvermeidliche, nämlich die Öffnung der Grenzen, stemmt, doch an die beliebten Gallier.

Wir wünschen sie uns zwar nicht unbedingt zurück, aber es stimmt uns doch ein wenig melancholisch, wenn wir beim Anschauen von NICHTS ZU VERZOLLEN an all jene Ferien erinnert werden, in denen wir neben Zahnbürste, Schwimmflossen, Pass und fremder Währung immer auch eine Extrastunde Zeit für den Stau an der Grenze im Gepäck hatten.

Noch mehr als bei „Willkommen bei den Sch’tis“ (2,3 Millionen Kinozuschauer und mehr als eine halbe Million verkaufte DVDs in Deutschland) lässt Multitalent Dany Boon auch bei NICHTS ZU VERZOLLEN Gegensätze aufeinanderprallen, dass die Funken nur so sprühen. Mit seinem untrüglichen Gespür für Timing und Situationskomik und dem für ihn typischen liebevollen Blick auf menschliche Schwächen zeichnet Boon auch bei NICHTS ZU VERZOLLEN sowohl für das Drehbuch als auch die Regie verantwortlich – und hat wie bei den „Sch’tis“ eine der Hauptrollen übernommen.

Neben Dany Boon liefert der belgische Komiker Benoît Poelvoorde („Mann beißt Hund“, „Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) eine furiose schauspielerische Leistung ab. Ihm gelingt es, noch die aberwitzigsten cholerischen Einlagen des frankophoben Zollbeamten so zu gestalten, dass hinter all seiner blinden Wut eine hilflose Angst und eine Unbedarftheit durchscheinen, die der Figur trotz allem etwas Anrührendes verleihen. Begleitet werden die beiden Hauptdarsteller von einem glänzenden Ensemble, bestehend aus Karin Viard („Das Schmuckstück„), François Damiens („Der Auftragslover„, „Der kleine Nick„), Bouli Lanners („Asterix bei den Olympischen Spielen“), Zinedine Soualem ( „Willkommen bei den Sch’tis“) sowie der Neuentdeckung Julie Bernard.

Im Unterschied zu „Willkommen bei den Sch’tis“ setzt Boon bei NICHTS ZU VERZOLLEN weniger auf den Dialekt zur Erzielung komischer Effekte – obwohl auch das vorkommt – als vielmehr auf alte Rivalitäten und Ressentiments zwischen Belgiern und Franzosen und typische Klischees, wie die Bezeichnungen „Camemberts“ und „Franzacken“ für die Franzosen und „Frittenfresser“ für die Belgier anschaulich zeigen:

RUBEN: „Weißt du, wieso die Franzosen Belgierwitze so lieben?“
VANUXEM: „Neee …“
RUBEN: „Weil sie immer dreimal lachen. Ja, ja! Sie lachen, wenn man ihn erzählt, lachen, wenn man ihn erklärt. Und dann nochmal, wenn sie ihn verstehen!“

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