Familienleben

Warum Kinder kritzeln

Warum Kinder kritzeln

Die Kritzelphase von Kindern ist wertvoll – und Eltern sollten sich davor hüten, sie durch Korrekturen beschleunigen oder lenken zu wollen. Was schon der gesunde Menschenverstand sagt, hat nun der Frankfurter Kunstpädagoge Georg Peez wissenschaftlich hinterlegt.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Forschung Frankfurt“ gibt er einen Überblick über aktuelle Fallstudien zur Kinderzeichnung von den ersten Lebensmonaten bis zur Grundschulzeit.

Am Anfang war die Materialforschung
„Die Kinderzeichnung durchläuft in allen Schriftkulturen ähnliche Phasen, da Schreiben und Zeichnen als Tätigkeiten der Hand unmittelbar zusammenhängen“, erklärt Peez. Als Anfangspunkt bezeichnet der Experte das Ende des ersten Lebensjahres, wenn Babybrei und Spucke Inspiration liefern. Sinnlich und lustvoll erkunden Kleinkinder zunächst mit den Fingerspitzen, dann mit der ganzen Hand die Konsistenz des Materials und beobachten Bewegungsspuren, die am Tisch zurückbleiben. Das ist der Beginn des senso-motorischen Ausdrucks – und damit auch des Malens und Zeichnens.

Aus dem anfänglichem Wischen mit horizontalen Hin- und Herbewegen wird eine Schlagbewegung mit vertikalen Auf- und Abschwenks, um das Material besser zu erfühlen. Nimmt mit der Dynamik auch die Sicherheit zu, so erkennt das Kind eines Tages seine Schmierspuren wieder, was Peez als „erster bildnerischer Akt“ tituliert.

Zweijährige entwickeln den anfänglichen Schwingkritzel weiter zum Kreis- und Kreuzkritzel und entdecken hier erstmals Prinzipien der Raumordnung. In dieser Phase steigen gewöhnlich auch Erwachsene ein, die zum ersten Mal am Computer ein Malprogramm verwenden.

Lieber Wertschätzung als Kritik
Mit zweieinhalb assoziieren Kinder schließlich erstmals die Kritzeleien mit Gegenständen, wodurch etwa einen Kreis zum Teller, Reifen, Mond oder Hamburger wird. Die Bildsymbole dieses ersten sinnunterlegten Kritzelns sind wichtige Voraussetzungen für die späteren Schriftzeichen, für Buchstaben und das Lesen. „Bis zum Schuleintritt geht es kaum um ein naturalistisches Abbild der Umgebung, sondern um die Erschaffung von immer komplexeren Sinnzeichen, die Kinder zueinander in Beziehung setzen. Kritik von Außen würde diesen Prozess nur unterbinden“, so der Experte.

Eltern haben jedoch sehr wohl Einfluss darauf, wie sich die zeichnerische Fähigkeit eines Kindes entwickelt. Diese hängt stark vom Alter ab, jedoch auch von der Förderung, so Peez. „Es geht hier um mehr als nur um Bereitstellen von Zeichenstiften und Papier. Wichtiger sind zusätzlich auch Anlässe und Gelegenheiten für das Kind, das Zeichnen experimentell und übend zu routinieren und dabei Neues zu entdecken.“ Dazu komme auch die Wertschätzung der Zeichnungen durch die Erwachsenen. Kaum motivierend seien schlechte Schulnoten in Kunst oder wenn Eltern die Kinderzeichnungen wegwerfen.

Jugendalter ändert alles
In der Pubertät weichen die kindlichen, unvoreingenommenen Sinnzeichen dem Wunsch, etwas naturgetreu und visuell „richtig“ abzuzeichnen. „Die Ansprüche übersteigen oft das eigene Können und die Unzufriedenheit mit der eigenen Zeichnung wächst. Teils geben Jugendliche das Zeichen auf, teils eignen sie sich eine alternative Bildsprache an – etwa mit Sinnzeichen aus Graffiti, Mangas oder mit Science-Fiction-Elementen“, berichtet Peez. Teils treten somit kulturell geprägte Zeichen in den Vordergrund, nach deren Aneignung Jugendliche wieder eine weitgehend individuelle Bildsprache entwickeln können.

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