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„Wie ich das Überleben überlebte – und Mathe doch noch kapierte“

„Wie ich das Überleben überlebte – und Mathe doch noch kapierte“

Schnoddrig und herzerwärmend zugleich erzählt Autor Jordan Sonnenblick genau da weiter, wo andere Bücher enden: nach dem Happy End, nach der Heilung von Leukämie. Denn Jeff knabbert noch immer an den Folgen der Behandlung und seiner zweifelhaften Berühmtheit. Dabei wäre er am liebsten ein ganz normaler Junge – besonders wenn Lindsey in der Nähe ist! Ob sie ihn auch mag? Hoffen ist schon der erste Fehler, würde sein Freund Tad sagen.

Jeffrey hat den Krebs besiegt – zumindest hat er mittlerweile acht Jahre ohne erneute Anzeichen überstanden. Dafür machen ihm aber die Nebeneffekte der Therapie schwer zu schaffen: beim Laufen will ein Bein nicht so wie er es will, hingegen beim Fahrradfahren klappt alles bestens. Weitaus schlimmer ist aber, dass er sich nicht so gut konzentrieren kann – und deshalb ist er in Mathe richtig schlecht, was sein Vater, ein erklärter Mathefreak, überhaupt nicht verstehen kann.

Zu allem Übel wird an der Schule auch noch eine neue Prüfungsordnung eingeführt: Wenn er die Prüfungen nicht besteht, dann darf er die Klasse wiederholen. Also schließt Jeff mit seinem besten Freund Tad einen Pakt: Tad gibt Jeff Nachhilfe in Mathe und Jeff trainiert Tad, damit der sein Abschlusszeugnis aufrechtgehend abholen kann. Denn auch Tad leidet unter den Folgen einer Krebstherapie und sitzt im Rollstuhl. Nicht, dass er gar nicht laufen kann, er hats nur aufgegeben, als sein Schwarm Brianna sich über seine Gangart mukiert hatte.

Als Lindsey frisch aus Kalifornien in die Klasse der beiden kommt, gerät Jeffs Gefühlswelt vollends aus dem Häuschen. Sie interessiert sich ernsthaft für ihn, obwohl er ein Hinkebein hat! Wenn doch jetzt nur sein großer Bruder Steven da wäre, mit dem Jeff immer über alles reden konnte. Aber der ist auf einem Selbstfindungstrip in Afrika.

Aus der Sicht von Jeffrey und vor allem der engen Freundschaft zu Tad erfährt der Leser, was es bedeutet, in so jungen Jahren schon so stark mit dem Tod konfrontiert gewesen zu sein. Die daraus folgende Abgeklärtheit sowie der Umgang mit den eigenen Unzulänglichkeiten zeigt sich am deutlichsten in Tads Zynismus. Für den Leser ist das höchst amüsant und tieftraurig zugleich – schließlich sind die beiden Jungs rotz all ihrer Sonderstellung zwei ganz normale Teenager.

Jordan Sonnenblick schafft es, den Leser mit einer spannenden Geschichte über einen bewundernswerten Jungen, mit dem der Leser sich sofort gern identifiert, zu berühren. „Wie ich das Überleben überlebte – und Mathe doch noch kapierte“ ist die Fortsetzung von „Wie ich zum besten Schlagzeuger der Welt wurde – und warum“ – man muss aber keinesfalls das erste Buch gelesen haben, in dem es um Jeffreys damals 13-jährigen Bruder Steven und dessen Umgang mit der Krebserkrankung seines Bruders ging, um das zweite zu verstehen.

Jordan Sonnenblick erzählt genau davon, was andere Bücher verschweigen: von den Sorgen und Nöten ebenso wie von den wunderbaren Momenten der betroffenen Person und auch der Familie. In diesem Buch – so wie in Jeffreys Leben – haben Oberflächlichkeiten keinen Platz, dafür aber Humor und Ernsthaftigkeit.


Leseprobe:
„Vor vier Jahren
Ich bin in der vierten Klasse, sitze an meinem Pult und kümmere mich um meinen eigenen Kram. Ich bin ziemlich still, aber jeder weiß, wer ich bin: Jeffrey Alper, der Junge, der Krebs hatte. In meinem Jahrgang gibt es keinen, der nicht schon mal beim jährlichen Benefiz-Dinner für die Familie
Alper im Gemeindesaal der Kirche Spaghetti gegessen hat, noch nicht zu einem Jazzkonzert der Highschool-Band zu meinen Ehren geschleppt worden ist oder – Hilfe! – noch kein Rettet-Jeffrey-T-Shirt gekauft hat. Ihr würdet an meiner Stelle auch in Deckung bleiben.

Die Tür geht auf und die Schulpsychologin tritt ein, hinter ihr ein magerer Junge auf Krücken. Während die Psychologin auf unsere Lehrerin einflüstert, kommt der Junge hinter ihr hervor, und ich halte die Luft an. Er hat eine Glatze und schimpft leise vor sich hin. Über die eine Kopfhälfte verläuft eine riesige, gekrümmte rote Narbe.

Es folgt eine peinliche Stille. Wären wir schon in der achten Klasse gewesen, hätte wahrscheinlich irgendwer ‚Hey, Mann! Peinliche Stille!‘ gesagt. Aber wir sind erst in der vierten und sitzen nur da und winden uns, bis die Lehrerin sich umdreht und sagt: ‚Kinder, ab heute haben wir einen neuen
Schüler in der Klasse. Er heißt Thaddeus Ibsen. Wie ihr wisst, haben wir letzte Woche darüber gesprochen, dass wir einen neuen Mitschüler bekommen. Also, hier ist er! Thaddeus braucht unsere Hilfe, um ein Mitglied unserer Klassenfamilie zu werden, und ich weiß, dass ich mich auf jeden Einzelnen von euch verlassen kann. So, Thaddeus, komm am besten hier rüber und setz dich neben … warte … Jeffrey Alper.‘

Wieso setzt sie den Neuen ausgerechnet neben mich? Dann fällt der Groschen. An das, was sie mit uns letzte Woche besprochen haben will, kann ich mich nicht erinnern, aber ich bin mit meinen Gedanken ja oft woanders. Ich bin auch manchmal schwer von Begriff, aber diesmal kann ich mir die Sache zusammenreimen. Es dauert einen Moment, bis die Schulpsychologin den Stuhl neben mir zurechtgerückt hat, damit sich der Neue hinsetzen kann und der Unterricht weitergeht. Sobald die Lehrerin über unsere Hausaufgaben für Sozialkunde redet, beuge ich mich zu ihm und flüstere: ‚Hi, ich bin Jeffrey. Ich hatte auch mal Krebs.‘

Er schaut mich an, als wäre ich eine besonders eklige Scheibe Hackbraten der Schulkantine, und sagt: ‚Wow! Herzlichen Glückwunsch! Was willst du? Eine Medaille?‘
So lerne ich meinen besten Freund kennen.“
Jordan Sonnenblick war viele Jahre Englischlehrer (und zwar gerne!), spielt Schlagzeug und wollte schon immer Schriftsteller werden. Er lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und vielen Trommeln und Gitarren in Bethlehem, Pennsylvania. Sein erstes Buch „Wie ich zum besten Schlagzeuger der Welt wurde – und warum“ schaffte in den USA aus dem Stand den Sprung auf zahlreiche Bestenlisten und wurde von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Jordan Sonnenblick: „Wie ich das Überleben überlebte – und Mathe doch noch kapierte“, übersetzt von Gerda Bean, Carlsen Verlag, Klappenbroschur, 192 Seiten, ab 12 Jahren, 12.90 Euro, ISBN 978-3-551-58245-4

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