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KLEINE WAHRE LÜGEN

KLEINE WAHRE LÜGEN

Freunde stärken sich gegenseitig den Rücken, helfen einander, wo sie können und schenken sich immer reinen Wein ein? Nun ja, theoretisch jedenfalls. Mit viel Witz, Ironie und französischem Charme schildert Regisseur Guillaume Canet das sommerliche, aber keinesfalls konfliktfreie Wiedersehen einer Gruppe von Freunden – ab 7. Juli im Kino.

Sommer am südwestfranzösischen Cap Ferret. Wie jedes Jahr hat der erfolgreiche Restaurantbesitzer Max (François Cluzet) seine Freunde in seine traumhaft gelegene Villa an der Atlantikküste eingeladen. Nur, einer fehlt: Ludo (Jean Dujardin) liegt nach einem Motorradunfall schwer verletzt auf der Intensivstation eines Pariser Krankenhauses. Obwohl seine Freunde schockiert sind, beschließen sie, nicht auf die wohlverdienten Ferien zu verzichten. Schließlich sei Ludo in besten Händen, Besuche auf der Intensivstation würden sich eher schwierig gestalten und wirklich geholfen werde ihm dadurch auch nicht, dass sie mit Rücksicht auf seinen Zustand auf ihre Erholung verzichteten. Der Aufenthalt wird auf zwei Wochen zu verkürzt, in der Hoffnung, dass es Ludo bei ihrer Rückkehr nach Paris deutlich besser geht und ihre Anwesenheit dann wirklich zu seiner Genesung beitragen kann.

Doch bevor die Clique in den Süden aufbricht, überrascht Chiropraktiker Vincent (Benoît Magimel) seinen alten Freund Max, der außerdem der Patenonkel seines Sohnes ist, mit einem unerwarteten Geständnis: Er hege schon seit längerer Zeit Gefühle für ihn, die über das rein Freundschaftliche hinausgehen. Er sei keineswegs schwul, aber immer, wenn er Max ansehe, löse das Empfindungen in ihm aus, die man wohl nur als Liebe bezeichnen könne. Max wird wütend und lässt Vincent einfach sitzen. Am nächsten Tag entschuldigt sich Vincent und verspricht Max, dass er ihn nie wieder mit dem Thema belästigen werde.

Ideale Voraussetzungen also für ein paar erholsame Tage in Cap Ferret? Max ist jetzt nämlich dermaßen verunsichert, dass er – ohnehin gestresst und deshalb unbeherrscht und zappelig – einfach nicht abschalten kann. Kaum in seinem Strandhaus angekommen, regt er sich wahnsinnig über jede Kleinigkeit auf. Seine Ehefrau Véronique (Valérie Bonneton), die sich für alle verantwortlich fühlt – vor allem wenn es um die biodynamisch richtige Ernährung geht – versucht ihn zu beruhigen, doch mit ihrer phlegmatisch-unnachgiebigen Art bringt sie ihn nur noch mehr auf die Palme. Als er gleich in der ersten Nacht verdächtige Geräusche im Gebälk hört, die seiner Meinung nach nur von wilden Nagern stammen können, hat er endlich ein Ventil für seinen ganzen Frust gefunden. Einige Nächte später eskaliert die Situation: Max schnappt sich eine Axt und demoliert wie ein Berserker ganze Wände im Haus, um den Ruhestörern den Garaus zu machen.

Zunächst beobachten die Freunde – halb mitleidig, halb amüsiert – das angespannte Treiben ihres Gastgebers mit Nachsicht. Warum das Verhältnis zwischen Max und Vincent buchstäblich über Nacht auf den Gefrierpunkt abgekühlt ist, können sie sich allerdings nicht erklären. Und weil die beiden Männer nicht im Traum daran denken, über das zu sprechen, was in Paris zwischen ihnen vorgefallen ist, tappen die anderen auch weiterhin im Dunkeln. Andererseits: Die Sonne scheint, der Strand lockt und im Schatten alter Bäume schmecken Wein und Käse nochmal so gut. Deshalb sind die anderen fest entschlossen, den Umständen zum Trotz das Beste aus ihrem Urlaub zu machen.

Wenn das doch so einfach wäre! Denn Max und Vincent sind nicht die einzigen, die gute Miene zum bösen Spiel machen. Da ist zum Beispiel Éric (Gilles Lelouche) – ein gutmütiger Typ und eigentlich die Stimmungskanone der Clique – der als zweitklassiger Schauspieler noch immer meint, jede ins Bett kriegen zu können. Eigentlich wollte seine Freundin nachkommen, doch zutiefst verletzt von Érics chronischer Untreue, beschließt sie in letzter Sekunde, in Paris zu bleiben. Vincents Frau Isabelle (Pascale Arbillot) spürt, dass sich ihr Mann immer weiter von ihr entfernt und holt sich ihren Sex heimlich im Internet. Antoine (Laurent Lafitte) hat die frische Trennung von seiner Freundin noch nicht überwunden und nervt seine Freunde damit, dass er sie ständig um Ratschläge bittet, die er dann doch nicht befolgt. Marie (Marion Cotillard), die bisexuelle Ethnologin und Ludos Ex-Freundin, zieht zwar alle in ihren Bann, hat aber eine Heidenangst davor, sich zu binden und gerät völlig aus dem Tritt, als plötzlich einer ihrer Liebhaber vor der Tür steht.

Je länger der Urlaub dauert, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass alle unfähig sind, über den eigenen Gefühlshorizont hinauszublicken. Einander beistehen, tröstende Worte finden? Fehlanzeige. Alle sind verzweifelt und emotional blockiert, fehlgeleitete Hoffnungen und seelische Verletzungen haben sie überempfindlich gemacht – aus diesem Grund enden selbst harmlose Wasserski-Nachmittage oder Strandspaziergänge häufig im Streit und mit zusätzlichem Frust. Der einzige, der schon bald erkennt, dass vieles im Argen liegt und der Zusammenhalt in der Clique gefährlich abnimmt, ist ein einheimischer Freund, der bodenständige Austernzüchter Jean-Louis (Joël Dupuch). Endlich redet mal einer Klartext und wäscht den ichbezogenen Urlaubern aus Paris gehörig den Kopf. Doch dann kommt ein Anruf aus Paris….

Voller Anteilnahme, behutsam und gleichzeitig unerbittlich blickt Regisseur Guillaume Canet (KEIN STERBENSWORT) hinter die scheinbar perfekte Fassade seiner Helden und offenbart so die Brüche, Schwächen und Widersprüche, die sie interessant und menschlich machen. Die mitreißende Komödie KLEINE WAHRE LÜGEN begeisterte 2010 mehr als fünf Millionen Zuschauer in Frankreich.

Zur beeindruckenden Besetzung von KLEINE WAHRE LÜGEN gehören neben Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard (LA VIE EN ROSE, NINE) eine ganze Reihe ausgezeichneter französischer Schauspieler, darunter François Cluzet (DIE HÖLLE, FRENCH KISS), Jean Dujardin (39,90), Benoît Magimel (DIE KLAVIERSPIELERIN, DIE BRAUTJUNGFER) und Valérie Bonneton (SIE SIND EIN SCHÖNER MANN). Untermalt von klassischen US-Rocksongs, gelingt KLEINE WAHRE LÜGEN  nicht nur eine Hommage an Canets erklärtes Hollywood-Vorbild DER GROSSE FRUST, in dem alte College-Freunde ein ernüchterndes Wiedersehen feiern. Sein Film erinnert auch an die stimmungsvollen Ensemblefilme seines Landsmanns Claude Sautet (DIE DINGE DES LEBENS).

Kinostart: 7. Juli 2011; Regie: Guillaume Canet; FSK: ab 12 Jahren; Länge: 155 Minuten; Verleih: Tobis; Link: kleinewahreluegen.de/


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