Familienleben

„Wo man Weihnachten feiert, ist man zuhause“

„Wo man Weihnachten feiert, ist man zuhause“

Weihnachten ist für Psychoexperten Hochsaison. Viele Menschen sind vor dem Fest hochgradig nervös und lange schwelende Streitereien kommen zum Ausbruch. Über Stolperfallen und wie man ihnen entgeht.

„Wo man Weihnachten feiert, ist man auch zuhause. Gerade das wird aber Menschen in Beziehungs- und Ehekrisen oder in Patchwork-Familien oft zum Verhängnis. Denn wo Bindungen zerfallen, gibt es zu Weihnachten oft Loyalitätskonflikte und Zerreißproben“, berichtet der Psychotherapeut Raphael Bonelli.

Supertolle Erwartungen und die Realität
Zum Problem werden oft überzogene Erwartungen. „Für viele ist Weihnachten das wichtigste Familienfest im Jahr. Alles muss supertoll und harmonisch sein, die Realität hält dem jedoch kaum stand.“ Für Bonelli ist diese Fixierung auf Harmonie neurotisch. „Sie drückt die Angst davor aus, keine gute Familie zu sein. Diese Angst raubt aber Freiheit.“ Viele reagieren schon bei kleinen Irritationen mit Enttäuschung und lösen damit eine Konfliktspirale aus, wobei die ungewohnte zeitliche und räumliche Nähe ihr Übriges tut.

Das hohe Ideal einer Familienidylle tragen die meisten in sich, erklärt Bonelli. „Es ist ein gutes Ziel, muss aber mit Selbsterkenntnis kombiniert sein, da Selbstbetrug bei seiner Aufdeckung nur aggressiv macht. Richtig wäre in vielen Fällen für sich zu erkennen: Es wäre schön, eine harmonische Familie zu sein – doch wir sind noch nicht so weit.“ Das Erkennen von dem, was möglich ist und was nicht, brauche Reflexion. „Für diese sollte man sich täglich zumindest eine halbe Stunde Zeit nehmen. Soviel kann sich jeder leisten, auch wenn die meisten im Advent besonders schnell durchs Leben preschen.“

Fest der Vergebung
Unbehagen löst Weihnachten besonders bei Einsamen aus. Bei den meisten, die alleine feiern, ist die Abwesenheit anderer jedoch nicht das Hauptproblem, schätzt Bonelli. „Viele sind einsam, da sie sich selbst der Versöhnung mit anderen im Weg stehen. Sie gönnen diesen Frieden den Personen nicht, mit denen sie zerstritten sind, sondern übertreiben lieber deren negative Seiten bis hin zur Dämonisierung. Das Verzeihen hängt für sie davon ab, ob der andere zuvor einen Riesenschritt macht.“ Je größer die Traumatisierung, desto weniger sei ein Mensch in der Regel fähig, eigene Fehler oder Verletzungen des anderen zu erkennen.

Advent und Weihnachten sieht Bonelli als beste Zeit für ein Signal der Versöhnungsbereitschaft, da Menschen in diesen Tagen oft eher für dieses Thema ansprechbar sind. Derart über seinen Schatten zu springen sei das nachhaltigste Geschenk, da man damit dem anderen und sich selbst etwas Gutes tut. Entscheidend für das Gelingen sei allerdings die Erkenntnis, dass man selbst nicht fehlerlos ist. „Eine Weihnachtskarte an die Person, die sie nicht verdient, kann ein schönes Zeichen sein, sofern es über den Pflichtcharakter hinausgeht und nicht an der Oberfläche bleibt. Offensiv angehen kann man es etwa nach dem Motto: Letztlich gehören wir zusammen – wagen wir einen Neustart.“

Schönheit trotz Härte
Schließlich könne auch der religiöse Anlass des Festes eine Hilfe sein. „Ein Ehepaar erwartet ein Kind, erhält jedoch nirgends Platz, sodass die Geburt in einem Stall geschieht. Das beinhaltet außer Schönheit auch eindeutig Härte, die jedoch durch die verkitschte Darstellung oft völlig ausgeblendet wird. Wer den Weg zurück zum Ursprung sucht, kann trotz Verletzungen und Ungereimtheiten Weihnachten feiern“, so der Psychotherapeut.

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