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Kinder, die Probleme machen, haben auch Probleme

Kinder, die Probleme machen, haben auch Probleme

Weshalb viele Heimkinder von Anfang an keine Chance im Leben haben, schildert Dagmar Wortham im neuen Sachbuch „Die ungeliebten Kinder. Endstation Heim?“


Unbemerkt von der Gesellschaft führen zahlreiche Kinder einen regelrechten Überlebenskampf. Sie stammen aus zerrütteten Familienverhältnissen und leiden unter Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Trauer und Wut. Gleichzeitig kämpfen sie mit verschiedenen Mitteln um Aufmerksamkeit, Liebe, Verständnis – und um ihre eigene Zukunft. Viel zu viele von ihnen landen schließlich im Heim; wie es ihnen dort ergeht, schildert die Autorin Dagmar Wortham, Erzieherin, die mit schwer erziehbaren Kindern und Jugendlichen arbeitet, in ihrem soeben erschienen Buch „Die ungeliebten Kinder. Endstation Heim?“ (Goldegg Verlag). Das Geleitwort stammt von der renommierten Psychoanalytikerin und Sozialtherapeutin Univ.-Prof. Dr. Rotraud A. Perner.

Von Anfang an im Abseits
„In meiner Arbeit mit Kindern aus desolaten Familien und mit Heimkindern habe ich erfahren, dass vieles schiefläuft und viele Kinder darunter leiden“, so die Autorin Wortham. „Im Untertitel meines Buches wird es angedeutet: Manche Kinderheime sind tatsächlich so etwas wie eine Endstation, die sich bei vielen Kindern bereits am Beginn ihres Lebens befindet.“ Oft genug kommt es vor, dass es diesen Kindern nach unglücklichen Jahren in der Familie und einer langen „Heimkarriere“ nicht mehr gelingt, im Alltag zurechtzukommen, Lebensdisziplin zu lernen, Anschluss an die Gesellschaft und ihr Lebensglück zu finden. In ihrer Kindheit hat es ihnen einfach am Grundlegendsten gefehlt, auf das eigentlich jedes Kind Anspruch haben sollte: eine kindgerechte, liebevolle Betreuung.

Die Autorin war fassungslos, welche Zustände in manchen Heimen herrschen: „Da gibt es Aggression, leidvolle Erfahrungen, grausame Machtspiele, unzureichende Betreuung, Interesselosigkeit, fehlende Ausbildung, es stehen wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund statt das Wohl der Kinder und es regiert oft Ignoranz.“ Dagmar Wortham beschloss, einen anderen Weg zu gehen und führte neue Methoden und Arbeitsweisen ein; dabei erkannte sie, wie schwierig es ist, gegen jahrelang gepflegte Strukturen, Machtstreben, Eifersucht und Gleichgültigkeit anzukämpfen.

Das Leben kann schön sein
Dennoch entschied sich die Autorin, bei „ihren Kindern“ zu bleiben, ihnen Hoffnung zu geben und ihnen zu zeigen, dass das Leben schön sein kann. Viele der zum Teil schwer traumatisierten Kinder und Jugendlichen erstarren mit den Jahren regelrecht in ihren Gefühlen, können nicht mehr weinen und lachen, halten sich für dumm und resignieren. Mit hohem Engagement und Einfühlungsvermögen setzte sich Dagmar Wortham für sie ein. Trotz widriger Umstände gelang es ihr, eine familienähnliche Situation zu schaffen, klare Regeln aufzustellen und den Kindern Anerkennung und Geborgenheit zu geben.

In ihrem Buch schildert sie deren Schicksale: Sie erzählt von Tobias, dem im Krisenzentrum seine Geschwister entrissen werden, um die er sich liebevoll gekümmert hatte, weil die Eltern dazu nicht in der Lage gewesen waren, von Mario und dem Drama, das sich hinter einer gutbürgerlichen Fassade abspielen kann und berichtet von Kindern, die als hoffnungslose Fälle abgestempelt werden, weil sie sich nur mehr durch Aggression bemerkbar machen können.

Sie erlebt Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, als ein Kind zu ihr sagt: „Könntest Du nur einen Tag in meinem Körper leben und mir dann sagen, das ist schön?“ Langsam erringt sie das Vertrauen dieser ungeliebten Kinder und zeigt ihnen ein Stückchen einer heilen Welt. Gemeinsam weinen sie bei „Bambi“ und feiern Feste. „Ich habe nicht gewusst, dass Weihnachten so schön sein kann“, staunt ein kleiner Junge, als er zum ersten Mal im Leben ein Geschenk bekommt und einen harmonischen Feiertag im Heim verbringt.

Dagmar Wortham schafft mit diesen Kindern Dinge, die vorher als nicht möglich bezeichnet wurden: Sie ziehen Hausschuhe an, fangen an, andere zu respektieren, schnuppern an Blumen, die sie vorher nur kaputt gemacht haben, verwenden keine Schimpfwörter mehr, blühen auf, verhalten sich wie „ganz normale“ Kinder und fangen endlich an zu glauben, dass sie etwas wert sind und dass sie jemand lieb haben kann.

Univ.-Prof. Dr. Rotraud Perner unterstützt das Engagement der Autorin: „Ich wünsche den Bemühungen von Dagmar Wortham, mehr Liebe auch für die noch ungeliebten Kinder zu erwecken, damit diese die Chance erhalten, lieben zu lernen, viel Erfolg. Erfahrene Lieblosigkeit kann nur durch verlässliche Liebesgeduld geheilt werden.“

Neue Chancen für die ungeliebten Kinder
Die Autorin kritisiert, dass in vielen Heimen in der Sorge, Erziehung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen nur mehr Quantität und nicht die Qualität zählt. Viele SozialpädagogInnen, Fachkräfte, aber auch die Jugendämter scheinen ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein und selbst unter dem System zu leiden. Die gesamte Konzeption der sogenannten „Fremdunterbringung“ und der zuständigen Kontrollorganisation scheint viel zu oberflächlich und es fehlen ausgefeilte Betreuungs- und Behandlungsmöglichkeiten für die Kinder. Wortham wünscht sich eine Verbesserung der Zustände, etwa kleine, familiär geführte Gruppen, mehr Unterstützung und Ausbildung des pädagogischen Personals sowie die verstärkte Betreuung der Familien.

Mit ihrem Buch „Die ungeliebten Kinder. Endstation Heim?“ verfolgt die Autorin Dagmar Wortham ein klares Ziel: Sie will die Gesellschaft wachrütteln, um eine Veränderung für diese Kinder zu ermöglichen. Für die tragischen Lebensgeschichten der Kinder tragen wir alle Verantwortung, ist sie überzeugt: „Aus den vielerorts so ungeliebten ‚Heimkindern‘ können später unsere Nachbarn werden, daher sind wir letztendlich alle dafür verantwortlich, was aus ihnen wird. Denn Achtung und Respekt, die wir anderen erweisen, kommen immer wieder zurück – ebenso wie Missachtung und Respektlosigkeit, die sich in den Kinderseelen für alle Zeit einbrennen.“

Dagmar Wortham: „Die ungeliebten Kinder. Endstation Heim?“, Hardcover, 272 Seiten, Goldegg Verlag, ISBN: 978-3-902729-03-3, 19,80 Euro

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