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Englisch: Weltsprache auf Kosten der Grammatik

Englisch: Weltsprache auf Kosten der Grammatik

In seiner Verwendung als Verkehrssprache ist Englisch einer Eigendynamik ausgesetzt, die kaum mehr zu steuern ist. Die heutige Realität dieser Sprache steht damit immer mehr im Gegensatz zu dem, was die Schule vermittelt.

„Es ist Zeit, die Prioritäten im Unterricht zu überdenken – zumindest dort, wo Menschen Englisch später als Lingua Franca verwenden“, erklärt Tagungsveranstalterin Barbara Seidlhofer.

Mehr Zweit- als Muttersprachler
Als „Verkehrssprache“ oder „Lingua Franca“ bezeichnet man eine Sprache, die Menschen verschiedener Muttersprache die Kommunikation ermöglicht. Im Mittelalter war dies etwa in gehobenen Kreisen und im Klerus Latein, in der Diplomatie der Neuzeit Französisch und im Kolonialhandel Portugiesisch. Seit dem zweiten Weltkrieg wurde Englisch zur weltweiten Lingua Franca. „Nie zuvor wurde eine Sprache weit häufiger als Zweitsprache denn als Muttersprache gesprochen“, betont Seidlhofer. Schätzungen gehen von 340 Mio. Muttersprachlern und bis zu einer Milliarde Zweitsprachlern aus.

„Meist ist in der Kommunikation mittels Englisch als Lingua Franca gar kein Muttersprachler beteiligt. Zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen kochen etwa Spaghetti und versuchen sich zu verständigen“, veranschaulicht die Wiener Anglistin. Dabei überprüfen die Gesprächspartner unbewusst und in Windeseile, was die gemeinsame Sprache ist und welches Weltwissen sie eint. „Man sucht auch das dem anderen zumutbare Sprachniveau und stellt sich darauf ein, etwa in Sprachtempo, Aussprache und Wortwahl.“

Grammatikregeln sind dehnbar
Wie dieses gemeinschaftliche Englisch aussieht, ist formal kaum zu beschreiben, da es individuell ausgehandelt wird. Seidlhofer hält es für „rücksichtslos“, immer das idiomatischste Englisch zu reden. Vielmehr suche man Vereinfachungen und Änderungen, die vom Gebrauch des Native Speakers abweichen können und begibt sich dabei sogar auf grammatikalisch flexiblere Pfade. „Um Hauptwörter expliziter zu machen, wird oft zusätzlich ein ‚-tion‘ angehängt. Viele verzichten auch auf das ‚third person -s‘.“ Tabu sind hingegen Wortwitze oder allzu landestypische Sprechweisen aus anglophilen Kulturkreisen.

An der englischen Sprache geht das nicht spurlos vorbei. „Jede Sprache verändert sich ständig. Sogar Engländer verwenden heute zunehmend früher unbekannte Konstruktionen wie ‚to problematize‘ oder ‚discuss about'“, weiß Seidlhofer. Die Weltsprache in die Wiege gelegt zu bekommen mag in mancherlei Hinsicht ein Vorteil sein, hat jedoch auch seinen Preis. Einerseits sinkt der Anreiz zum Fremdsprachenlernen, das schon heute an den Mittelschulen Englands nicht mehr Pflicht ist.“ Andererseits gibt es auch Überlegungen, die Engländer und Iren eine Entschädigung dafür zahlen zu lassen, dass alle ihre Sprache lernen müssen.

Schule soll zur Kommunikation befähigen
Ausständig sieht die Anglistin jedoch vielmehr eine neue Orientierung der Vermittlung von Englisch in der Schule. Der Sprachgebrauch des Native Speakers ist heute noch immer oberstes Ziel, obwohl englische Muttersprachler in internationalen Settings meist am schlechtesten verstanden werden. Statt viele Lernstunden für die korrekte Aussprache des ,th‘-Lautes aufzuwenden, hält es Seidlhofer für sinnvoller, Kommunikationsstrategien zu vermitteln. „Dazu gehört das Zuhören, das Umformulieren, die Sensibilisierung und gegebenenfalls die Nachfrage, ob der Gesprächspartner verstanden hat.“

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