Familienleben

Vernachlässigte Kinder sind Gesellschaftsproblem

Vernachlässigte Kinder sind Gesellschaftsproblem

Extreme Mangelversorgung, Misshandlung oder körperliche Gewalt an Kindern rüttelt Menschen auf. Doch auch die dauernde Vernachlässigung von Geist, Gefühl oder Erziehung eines Kindes zieht hohe langfristige Schäden nach sich.


Auf dieses oft unterschätzte Risiko weist das Deutschen Jugendinstitut im Buch „Kindesvernachlässigung – verstehen, erkennen, helfen“ (Reinhardt Verlag) hin. Aufgezeigt werden Formen, Folgen, Ursachen und Interventionsmöglichkeiten bei einem Schicksal, das allein in Deutschland laut Schätzungen 20.000 bis 100.000 Familien betrifft.

„Nur jedes zehnte Kind entwickelt sich insgesamt stabil und positiv, nachdem es schwere Vernachlässigungen erfahren hat“, erklärt Buchautorin Beate Galm. Zu den psychischen Folgen gehören Ängste, Depression und sozialer Rückzug. Das Thema ist auch volkswirtschaftlich relevant, gefährden doch Entwicklungsverzögerungen und Schulschwierigkeiten die Integration am Arbeitsmarkt. Zudem erfordert die Behandlung psychischer Störungen, die nach Vernachlässigungen häufig sind, enorme Kosten.

Schmutzige Kleidung bis Schwänzenlassen
Kindesvernachlässigung geschieht dort, wo ein Kind körperlich oder seelisch leidet, da es Eltern oder Sorgeberechtigte wiederholt nicht fürsorglich behandeln. „Bei der körperlichen Form erhält ein Kind etwa nicht ausreichend zu essen, zu trinken, saubere Kleidung, Hygiene oder medizinische Versorgung. Eine zweite Form ist die kognitive und erzieherische“, erklärt Galm. Dazu gehört fehlende Beschäftigung mit dem Kind, das Ausbleiben von altersangemessenen Anreizen oder von Erziehungseinfluss, das Missachten von spezifischem Förderbedarf oder auch das Tolerieren von regelmäßiger Schulabsenz.

Welche Folgen das hat, hängt sehr von Form, Schwere und Dauer der Vernachlässigung ab. Während die körperliche Vernachlässigung etwa das Wachstum verzögern, dick oder krank machen und im Extremfall sogar töten kann, sind die Folgen der kognitiven Form noch wenig systematisch analysiert. „Ausgewählte Studien dokumentieren jedoch Lernbehinderungen, einen enormen Leistungsrückstand zu Gleichaltrigen oder den häufigen Sonderschulbesuch. Das geht teils darauf zurück, dass sozioemotionale Grundlagen wie Interesse, Lernfreude und Ausdauer eingeschränkt sind“, so die Psychologin.

Erschwerte Vorzeichen für Partnerschaft
Doch Vernachlässigung hat noch weitere Gesichter. Das übermäßig lange Alleinlassen gehört dazu oder das Ignorieren von längerer unangekündigter Abwesenheit des Kindes. „Emotional vernachlässigen Eltern ein Kind, wenn sie es nicht mit Feingefühl, Verständnis und Wärme behandeln. Dadurch kann die Bindung zur Mutter hochgradig unsicher werden“, erklärt Galm. Langfristig erschwert das die Integration im Kindergarten- und Schulalter, das Schließen von Freundschaften und auch im Erwachsenenalter das Eingehen positiver und stabiler Partnerschaften. „Frühe Deprivation schädigt das Selbstvertrauen, das Vertrauen in andere und den Zugang zu eigenen Gefühlen.“

Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko für Kindesvernachlässigung, besonders wenn sie gemeinsam auftreten. „Eine belastete Entwicklungs- und Lebensgeschichte der Eltern gehört dazu, besonders wenn es in deren Kindheit Gefährdungen und Beziehungsabbrüche gab oder wenn ihre psychische Stabilität und Gesundheit eingeschränkt sind“, so Galm. Weitere Risiken sind Armut, fehlende Bildung, hoher Stress und fehlende Unterstützung der Mutter durch Partner oder Großfamilie. „Fachkräfte erkennen das Risiko teilweise auch durch mangelhafte Vorbereitung auf die Geburt oder eingeschränkte emotionale Zuwendung zum Kind.“

Frühe Hilfe wirkt besser
Möglichst frühe Hilfe von außen kann sehr geeignet sein, um Vernachlässigung wie auch Misshandlung vorzubeugen. Unter dem Stichwort „Frühe Hilfen“ spricht man seit kurzem verstärkt Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern oder in der Schwangerschaft an, die in belastenden Situationen leben. „Wichtig ist, die Familie früh zu erreichen, da kleine Kinder sehr verletzlich und besonders auf elterliche Fürsorge angewiesen sind“, betont Galm. Oft seien Aufklärung über Bedürfnisse des Kindes und spezifische Unterstützung erforderlich. „Eine wichtige Aufgabe lautet, Zugang zu finden ohne zu diskreditieren oder zu stigmatisieren.“

Viele Eltern, die hohen Belastungen ausgesetzt sind, werden ihr Kind dennoch niemals vernachlässigen, so die Expertin. „Wichtig ist in jedem Fall, die Familien sensibel anzusprechen. Man muss ihnen vermitteln, dass es darum geht, sie zu unterstützen und nicht, ihnen etwas zu unterstellen.“

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