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Soziale Ängste können Gewalttaten auslösen

Soziale Ängste können Gewalttaten auslösen

Menschen, die schlimme Ängste vor sozialen Kontakten haben, schätzt man allgemein als schüchtern, gehemmt und unterwürfig ein. Einige aus dieser Gruppe neigen jedoch auch zu aggressivem und gefährlichem Verhalten, das der Zurückweisung anderer zuvorkommen soll.

Das berichten die Psychologen der George Mason University in der Zeitschrift „Current Directions in Psychological Science“. Das Verhalten dieser Menschen werde oft falsch verstanden und erfordere auch von Therapeuten hohes Feingefühl in der Diagnose.

Die Forscher untersuchten 1.800 Menschen, die entweder aktuell an sozialen Phobien leiden oder im Lauf des Lebens einmal daran gelitten hatten. Bei jedem fünften Fall fanden sie Aggressionen, übermäßig freizügiges sexuelles Verhalten oder Drogenmissbrauch – Verhaltensweisen, die eigentlich als der Störung entgegengesetzt gelten. „Wir glauben nicht, dass es sich dabei um ein anderes Leiden handelt, sondern wollen aufzeigen, dass Verhalten manchmal wie eine antisoziale oder impulsive Störungen aussieht, in Wahrheit jedoch auf die soziale Angst zurückgeht“, so Studienleiter Todd Kashdan.

Aktivierung und Hemmung außer Balance
„Hinter den meisten aggressiven Verhaltensformen steckt keine soziale Angst“, betont Klaus Schmeck, Chefarzt der Kinder- und Jugendabteilung der psychiatrischen Klink der Universität Basel. Grundsätzlich entscheide das Zusammenspiel des aktivierenden und des hemmenden Antriebs, ob ein Verhalten bei einem Menschen zum Ausdruck kommt. Bei den meisten Zwischenfällen dominiere Ersteres. „Schlägereien etwa sind selten lange geplant, sondern gehen meist auf impulsives, affektivgesteuertes Verhalten zurück.“

Hin und wieder werden heftige Gewalttaten jedoch durchaus von Menschen verübt, die im Leben eher gehemmt sind. „Das sind diejenigen, die leicht kränkbar sind, die sich jedoch stets zusammenreißen und den Ärger in sich hineinfressen anstatt Dampf abzulassen. Manche sinnen lange auf Rache, besonders wenn es kein Korrektiv in der Umgebung gibt. Brennen die Sicherungen einmal durch, werden alle Grenzen aufgehoben und man kann die Person kaum aufhalten“, so Schmeck. Nach diesem Affektsturm seien die Betroffenen allerdings meist völlig zerknirscht.

Problematisch sei, dass Menschen mit sozialen Ängsten besonders häufig zum Opfer von Bullying werden. „Der Begriff des ‚Opfers‘ ist bei der Jugend heute zum Schimpfwort geworden. Er gilt als Ausdruck von Schwäche und sich-nicht-wehren-Können“, berichtet der Kinder- und Jugendpsychiater. Sei das Zeigen von Schwächen bei Burschen mit Scham verbunden, könnten Mädchen viel besser damit umgehen. „Schwäche ist bei Frauen sozial akzeptierter. Erzählen sie davon, vermitteln sie Schutzbedürfnis. Burschen werden hingegen ausgelacht.“

Soziale Ängste sieht Schmeck wie andere übermäßige Ängste auch als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Einflüsse im Kindesalter. „Eine Rolle spielt die Genetik, denn starke Ängste treten im Verwandtenkreis häufig bei mehreren Personen auf. Wichtig dürfte jedoch auch das Rollenvorbild sein.“ Einen guten Umgang mit Ängsten könne man nur erlernen, wenn Bezugspersonen diese Emotion nicht nur spiegeln, sondern auch beruhigen könnten. „Erschrickt ein Kind vor einer Spinne, verstärkt sich die Angst nur, wenn das Elternteil selbst schreit statt wenn es vermitteln kann, dass kein Grund zur Panik besteht.“

Korrektiv und Gesprächspartner notwendig
Um aggressiven Entgleisungen durch aufgestaute Emotionen zuvor zu kommen, empfiehlt der Psychiater den Angehörigen, rechtzeitig mit dem Betroffenen ins Gespräch zu kommen. „Ziehen sich Kinder zurück und geben von selbst keine Auskunft, ist es wichtig, dass die Eltern aktiv nachfragen, wenn es etwa um Gequältwerden durch Klassenkollegen geht“, betont Schmeck. Der Erfurter Amokläufer – als Extrembeispiel – habe vor seiner Tat die Schule wochenlang geschwänzt und den Eltern vorgemacht, den Unterricht zu besuchen. „Die überwiegende Zahl der sozial Ängstlichen wird allerdings nie gewalttätig“, betont der Experte.

Für die Behandlung von sozialen Phobien schlagen die US-Forscher kognitive Ansätze zur Stärkung der Willenskraft vor. Das soll speziell in den Situationen helfen, in denen der Verlust der Selbstkontrolle droht. Diese Ansätze sind jedoch vor allem für impulsive Aggressivität geeignet, gibt Schmeck zu bedenken. „Sozial Zurückgezogene müssen vor allem lernen, sich schon zu einem früheren Zeitpunkt zur Wehr zu setzen, eigene Gefühle zu äußern und sich im Alltag weniger selbst zu kontrollieren anstatt die Explosion abzuwarten.“ Schwierig sei jedoch, dass kaum jemand aus dieser Gruppe von selbst in die Therapie kommt, gibt der Psychiater zu bedenken.

Quelle: pressetext.schweiz

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