Familienleben

Weihnachten erhöht Kaufsucht-Risiko

Weihnachten erhöht Kaufsucht-Risiko

Psychologen warnen vor Einkaufsstress und fehlender Selbstkontrolle und raten zu klaren finanziellen Grenzen beim Geschenkekauf


Das Weihnachtsfest bedeutet für viele nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine hohe psychische Belastung. „Haben Angehörige Geburtstag, sucht man ein Geschenk. Doch Weihnachten ist wie fünfzehn Geburtstage gleichzeitig. Man soll für alle persönliche, kreative Ideen haben, sucht ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und steht dabei unter starkem Zeitdruck“, erklärt der Wiener Psychologe Cornel Binder-Krieglstein. Neben diesem Stress sei gerade auch der Aspekt der Kaufsucht eine problematische Komponente der Weihnachtszeit, so Binder-Krieglstein.

Das Gewissen sagt einem während des Jahres, man solle sich beim Einkauf zurückhalten. „Weihnachten wird oft als Anlass genommen, diese innere Stimme auszublenden“, erklärt Binder-Krieglstein. Durch die Lust des Anschauens und den Nervenkitzel beim Abwägen des Erwerbs vermittle das Kaufen ein Hochgefühl, das leicht zur Kaufsucht umschlagen könne. „In diesem Fall ist es wie bei allen Süchten notwendig, sich klare Grenzen zu setzen.“ Zu empfehlen seien laut dem Wiener Psychologen in diesem Fall klare zeitliche Regeln, das geplante Vorgehen nach einer Liste und vor allem eine stärkere Kontrolle der Ausgaben. „Wie bei Spielsüchtigen hilft es, vor dem Einkauf ein klares Budget festzulegen, das man ausgeben will, und dieses in bar mitzunehmen. Ein Einkaufsbummel mit Kreditkarte ist für Kaufsüchtige höchst gefährlich“, so Binder-Krieglstein.

Auch der Psychologe Tom Fawcett von der University of Salford warnt vor psychologischen wie auch finanziellen Folgen des unkontrollierten Weihnachtseinkaufes. „Entgleitet die Kontrolle der Ausgaben, kann das später zu einem massiven Verlust von Zuversichts- und Selbstwertgefühl bis bin zu chronischen Formen der Depressionen führen“, betont Fawcett. Werde die Begleichung der aufgenommenen Schulden im Januar oder Februar zur Belastung, würden darunter besonders Menschen ohne schützendes soziales Netzwerk leiden. „Die Menschen, die man zu Weihnachten beschenkt hat, sind dann oft außer Reichweite“, so der britische Psychologe.

Gute Organisation hilft dabei, dem Einkaufsstress der Adventsamstage zu entkommen. „Geschenkideen kann man problemlos das ganze Jahr über notieren und im November besorgen“, so Binder-Krieglstein. Er schlägt auch die Absprache mit den Beschenkten vor, ob und in welchem finanziellen Rahmen das Geschenk erfolgen solle. Es gebe auch einige Aussteiger aus diesem Prozess. „Manche signalisieren ihrem Umfeld vor Weihnachten: Ich habe euch gerne, doch ich möchte zu Weihnachten nichts schenken und auch nichts bekommen“. Die Gegenseitigkeit einer solchen Vereinbarung sei laut Binder-Krieglstein für die moralische Ausgeglichenheit wichtig, dementsprechend könnten etwa Geburtstagsgeschenke aufgewertet werden. Möglich sind auch weniger radikale Zeichen ohne finanziellen Aufwand wie selbstgemachte Weihnachtskarten. „Manche Leute schreiben auch einen persönlichen Jahresbericht, den sie an ihre Verwandten senden.“ Das sei oft mehr wert als Geschenke, betont Binder-Krieglstein.

Dass das Glaubensfest Weihnachten zum Geschenkefest geworden ist, deutet Binder-Krieglstein als Ergebnis mehrerer Faktoren. Die Kultur des Schenkens hätte in Mittel- und Westeuropa eine wichtige Bedeutung, das Ausmaß des Schenkens habe sich jedoch mit der Ausprägung zur Konsumgesellschaft hochgeschraubt. „Der Aspekt des Schenkens wird von der Wirtschaft sehr gepuscht. Die vielen Befragungen, wie der Einkaufssamstag verlaufen ist, sind in diesem Zusammenhang eine klar definierte Situation“. Interessant sei jedoch, dass das weihnachtliche Zeitfenster des Schenkens international verbreitet sei, so der Psychologe abschließend.

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